Sonntag, 14. Dezember 2008

027 Der Fiddle Race Wettbewerb

Liebe Freunde

Die letzten Tage in Newark zählen wohl zu den unglaublichsten, anstrengendsten, aufregendsten und intensivsten die ich hier bis jetzt erlebt habe.

Vor etwa 3 Monaten wurde ich angefragt einem "Fiddle Race Team" beizutreten. Ein Fiddle Race ist ein Geigenbau Rennen, dass hier in Neark seit über 25 Jahren Tradition hat. Dabei geht es darum in 24h mit seinem Team eine Geige zu bauen. Ein schier undenkbares Unterfangen. In den frühen Tagen dieser Tradition baute man 24h am Stück an dem Instrument. Heute darf man das aus Sicherheitsgründen gar nicht mehr und deshalb wirds auf 3 Tage verteilt (9h+9h+6h). Bereits im Vorfeld werden von den diversen Teams die ausgeklügeltsten Strategieen erdacht, um möglichst effizient und trickreich ans Ziel zu gelangen.

Letzte Woche war die Spannung bereits spürbar. Im Vorfeld war es uns gestattet die Mould (also die Form) mit den Eckblöcken unbearbeitet vorzubereiten. Auch die Decke und der Boden durften wir bereits vorbereiten sprich den Joint (also die Verbindung von rechter und linker Hälfte) leimen. Dieser muss ja recht gut trocknen ehe man mit "voller Kraft" die Späne fliegen lässt.

Insgesamt traten sieben Teams zum Fiddle Race an. Ein Team besteht immer aus 5 Mitgliedern und muss Studenten aus allen Ausbildungsstufen aufweisen. Der bestausgebildetste (3.Jahr) trägt von seinem Team die grösste Verantwortung. Er koordiniert die Arbeiten und muss versuchen trotz der Hektik Ruhe zu bewahren. Er wählt dann zwei Leute aus dem 2. Jahr, die doch bereits recht viel Erfahrung haben. Dann kommt noch einer aus dem ersten Jahr und seit Neustem auch einer aus dem Foundation Jahr (eine Art Vorbereitungsjahr zur anschliessenden Ausbildung). Da bei unserem Team plötzlich ein Zweitjährler abgesprungen ist mussten wir zusätzlich halt einen Erstjährler organisieren.

Unser Team:


Name: Pierrick
Nationalität: Franzose
besondere Merkmale: lange Haare, sieht aus wie Jesus
Fiddle Race Arbeit: die Schnecke


Name: Alisa
Nationalität: Deutsche
besondere Merkmale: lange Haare, gute Ausstrahlung
Fiddle Race Arbeit: die Decke


Name: Guillom
Nationalität: Franzose
besondere Merkmale: lange Haare, ruhiger Pol
Fiddle Race Arbeit: der Zargenkranz


Name: Lucie
Nationalität: Französin
besondere Merkmale: lange Haare, grosse Augen
Fiddle Race Arbeiten: Kaffe kochen, viiiieles lernen


Am Mittwoch Morgen war es also soweit. Peter Smith, der Rektor der Schule gab pünktlich um 9.00 A.M. das Signal zum Start. Ich kam etwa 2 Minuten zu spät, machte mich aber umso mehr hinter meinen Boden. Ich muss dazu sagen, dass ich den Boden zwar machen wollte, dies aber für einen "Lehrling" der gerade mal 3 Monate Studiert eine ziemliche Herausforderung darstellt. Dazu kommt das ich noch nie zuvor Einlagen eingearbeitet hatte und auch werder das Aushöhlen des Bodens noch das Verrunden der Kanten je zuvor üben konnte. Ich hab so Gas gegeben, dass ich eigentlich kaum wahrgenommen habe was um mich herum passiert ist. Die ganze Werkbankkombination hat gewackelt als ich mit dem aussparren der Wölbung begonnen habe. Diesen Teil kannte ich ja bereit, darum wollte ich da Zeit gutmachen. Ich kann nicht mehr genau sagen wann ich was gemacht habe. Die Zeit ist irgendwie stehen geblieben. Ich weiss nur, dass ich am ersten Tag die Wölbung und die Einlagen samt Hohlkehle fertig machen konnte. Ich war körperlich tot nach diesen 9 Stunden. Jeder Muskel war am Ende. Blasen im Handteller, kein Gefühl mehr im Zeigefinger nach dem Ausschneiden des Zargenkanals... Jetzt noch etwas Stretching, ein kühles Bier und ab ins Bett. Hab um 10.00 P.M. geschlafen wie ein Stein.


Am Donnerstag Morgen dann das etwas schmerzhafte Erwachen, das aber von der extremen Motivation völlig übertüncht wurde. Diesmal nur 1 Minuten zu Spät. Lucie auch. Hab sie in der Altstadt auf dem Weg zur Schule getroffen. Auch ihr tat alles weh. Sie hat die Zargen am Tag zuvor gehobelt und auf die richtige Dicke "gescratched". Danach hat sie mit dem Abrichten des Griffbretts begonnen. Ihre Lunge war innen bestimmt mit einem hauchdünnen Film von Ebenholz ausgekleidet. Ich hatte an diesem Morgen mein zweites nie zuvor erprobtes Unterfangen. Das Aushöhlen der Decke. Alisa hat mir in kurzen Zügen erklärt worum es geht und worauf ich achten muss. Und dann gings los.... einfach drauflos, immer im Hinterkopf der Gefanke nicht zu fest zu drücken damit der Boden nicht bricht und nicht zuviel Material abzutragen.... ein Gefühl von "do muesch jetzt eifach dure, frog nüt Unnützes, mach eifach". Nach 3h war mein Boden in der Rohform bereit für das Abrunden der Kanten. Das machte ich dann gleich anschliessend. Zuerst innen, dann aussen. Der Druck und die latente Angst etwas falsch zu machen war sehr anstrengend. Jeder hat sein Bestes gegeben. Unser Ziel war es "die Kiste" am Abend des zweiten Tages zu schliessen. Dies ist uns gelungen. Allerdings waren da noch ein paar Krämpfe zu überwinden aber auf die möchte ich jetzt gar nicht eingehen. Körperlich war ich an diesem Abend nicht so erschöpft wie am ersten Tag. Aber geistig war ich total ausgesaugt. An der Schwelle zu gereizt. Es ist gut seine Grenzen kennen zu lernen. An diesem Abend hab ich aufs Bier verzichtet und bin gleich nach Hause, hab mit Salvatore etwas gegessen und bin dann ins Bett.


Der folgende Tag war der alles Entscheidende. Auch diesmal war ich etwas zu spät aber nur weil ich unterwegs Guillom (des anderen Teams) aufgegabelt habe. Er ist mir auf die Lenkstange gesessen und wir sind wie ein frisch verliebtes Pärchen durch die Gässchen von Newark geradelt. Die Mehrheit der Newarker sind sich des Wertes der Farbigkeit bestimmt nicht bewusst, die die "Kontinentler" mit sich bringen aber bestimmt haben wenigstens einige geschmunzelt. Der Letzte Tag war vor allem dem Finish gewidmet. Aber am Ende sind es dann doch noch viele kleine Sachen, die zusammen kommen. Pierrick hat mit dem anpassen des Stegs begonnen. Alisa hat die Geige, die jetzt bereits wie eine aussah, von allen Seiten her poliert und ich hab mich mit der dritten Unbekannten angefreundet, dem Sattel. Das ist ein Kleines Stück Ebenholz, dass sich unmittelbar hinter dem Saitenhalter befindet. Der Stahldraht des Saitenhalters würde die Decke unter dem Zug der Saiten beschädigen wäre da nicht der Sattel. Dieses kleine Ding also hab ich auch noch gemacht. Bin schon ein wenig stolz auf mich, aber vorallem bin ich dankbar für dieses grossartige Team das ohne böse Worte und so viel Verständnis für einander funktioniert hat. Kurz vor halb 4 haben wir die Saiten aufgezogen, danach hab ich die Geige gestimmt und dann hat ihr Lucie die ersten richtigen Töne entlockt. Stellt euch mal diesen Moment vor! Vielleicht wie wenn das gerade eben geborene Baby zum ersten Mal schreit (also vielleicht nicht so ein Wichtiger Moment, dafür tönt die Geige schöner).


Um 4 Uhr mussten wir alle unsere Instrumente abgeben. Sieben Instrumente von 35 werdenden Geigenbauern. Diese Sieben Geigen gehen alle nach Kuba wo sie von der Organisation "Luthier sans Frontiere" an talentierte, mittellose Geigenstudenten weitergegeben werden.

Um 5 war dann die Preisverleihung. Ein ehemaliger Geiger aus Korea hat euf jeder Geige etwas vorgespielt. Die habens natürlich spannend gemacht. .. ich auch... Wer hat wohl gewonnen?
Ich sag nur: Schaut euch die Fotos auf der rechten Seite an!


Liebe Grüsse Euch allen. Mein Tagebuch macht jetzt Weihnachtpause. Werde bald in die schöne Schweiz fahren! Euch allen eine frohes und gesegnetes Weinachten und bis bald wieder im Neuen Jahr!

Mittwoch, 3. Dezember 2008

026 Weihnchts Oratorium

Liebe Freunde

Die "Newark Choral Society" hat dieses Jahr einmal mehr das Weihnachts Oratorium von Bach lancert. Andres, ein Geigenbauer aus dem 3. Jahr, hat mir gesagt, dass ich da eventuell im Chor mitsingen könnte. Da ich Bach sowieso liebe hab ich mich also um einen Platz im Chor bemüht. Da ich dies erst 3 Tage vor dem Halftern (Trimesterferien ende Oktober) erfahren habe konnte ich erst Mitte November den Proben beiwohnen. Das war allerdings eine kleine herausforderung, da ich erstens das Weihnachtsoratorium noch nie gesungen habe, zweitens der ganze Text auf englisch gesungen wird (übel) und drittens die Aufführung letzten Samstag war!! Mir blieben also noch zwei Chorproben wobei jeweils der zweite Teil der Probe fürs neue Programm verwendet wurde (na toll!). Dann kommt dazu dass ich zur ersten Probe wegen Verschlafens zu spät kam. Peinlich!

Das Orchester besteht zu einem grossen Teil aus Leuten der Geigenbauschule. Ausser ca 3 Leuten sind oder werden alle Streicher zu Geigenbauern ausgebildet. Da sieht man mal wie wir Studenten hier das Kulturelle Angebot massgäblich gestalten.

Unser Dirigent Roger Bryan ist ca 55 Jahre alt und ein richtiger Künstler. Er darf in einem wunderschönen Haus direkt neben der Kirche Hausen und beherrbergt jedes Jahr zwei Studenten. Mit dem Erlös der Miete kann er knapp die Heizkosten für dieses undichte Bijou bezahlen. Er hat etwas, das man wohl als britischen Charme bezeichnet. Während der Proben versteh ich nicht immer alles, aber nach jedem zweiten Satz musste der Sopran oder Alt oder auch beide jeweils leicht errötend kichern, während sich einige die Frisur zurecht tätschelten. Man muss hier vielleicht anbringen, dass ich mit meinem dabeisein das Durchschnittsalter der fünfzigköpfigen "Society" um etwa 10 Jahre nach unten gerissen habe (das war jetzt wohl leicht übertrieben). Jedenfalls hat er sich so die Herzen der Damen im Sturm erobert.

Die Leute da sind wie gesagt alle zwischen 50 und 70 und sehr nett. Sie gehören zu der Generation die, wenn man ihnen eröffnet Schweizer zu sein, mit "oh really, what a beautiful place on earth and so clean!!" reagiert. Ich nichte dann immer ganz stolz und hie und da zeige ich dann auch mein neutrales Schweizer Sackmesser. Aber sie sind wirklich alle sehr zuvorkommend und auf eine angenehme Art reserviert.
die Lustigen Leute

(Dieser Abschnitt wird jetzt sehr technich, aber interessant. Wer will kann ihn ja überspringen.)
Damit ich dieses Oratorium überhaupt einstudieren konnte, bediente ich mich allerlei technischer Hilfsmittel. Zuerst hab ich das Werk als MIDI-Sequenz aus dem Internet geladen. Nach etwas Suchen fand ich eine Datei mit sämtlichen Spuren. Diese hab ich ins LOGIC (mac Musikprogramm) importiert und die Spuren dann mit schön klingenden Instrumenten versehen. Danach hab ich meine Stimme in der Lautstärke etwas angehoben und das ganze als mp3 exportiert und komprimiert. Danach hab ich mir auf meinen iPod-Minimikro geladen und während dem Geigenbauen ständig angehört. Eine sehr effiziente Variante.

Vor genau einer Woche hatten wir dass die erste Probe mit den Streichern. Dies bereits in der Methodist-Church. Die ist recht klein und der Chor musste aus Platzgründen von der Empore aus singen. Das erschwerte das Zusammenspiel erheblich. Man sieht den Dirigenten schlecht, da ist die Schallverzögerung...etc.. es war ein Disaster. Roger benutze sogar ein Wort dass den Chor in eine richtige Revoltenstimmung versetzte. Es sollte den anscheinend Abscheulichen Klang des Soprans zum Ausdruck bringen. Einige Soprane sind dann nach Hause gegangen. hmm....

Für das Konzert brauchte ich dann einen Schwarzen Anzug und das Nette Fräulein aus der ersten Reihe hat mir sogar eine Fliege als Leihgabe gegeben und meinem Nachbar so beiläufig gesagt er solle mir dann zeigen wie man diese ordentlich anzieht. Ich glaube die haben alle gedacht ich sein ein Clochard als sie mich das erste mal gesehen haben. Jedenfalls hab ich mir jetzt einen extrem heruntergesetzten 100% wollenen Anzug ergattert. Beim Schneider musste ich den dann noch anpassen lassen (Taille und Beinlänge).

Das Konzert war dann doch ein voller Erfolg, trotz vieler Krämpfe. Hier hab ich einige Bilder gepostet.

Viel Spass und liebe Grüsse!!