Liebe Freunde
Während des Sommersemesters war ich die meiste Zeit über in der Schweiz. Über zwei Monate lang... und jetzt, da die Ferien vorbei sind, weiss ich eigentlich gar nicht mehr, was ich alles so getrieben habe in der lieben Heimat. An einige Dinge kann ich mich wohl erinnern. Zum Beispiel war ich eine Woche lang im Engadin und hab gelernt wie man Antennen berechnet. Zugegeben, eine etwas eigenartige Beschäftigung für einen Geigenbauer, aber hoch interessant. Es gibt viel mehr Parallelen zwischen der Elektrotechnik und der Akustik als man sich vielleicht so denkt. Jedenfalls war das Seminar richtig cool! Eigentlich waren diese Woche Engadin meine Ferien...
Daneben ist noch so viel Anderes passiert, ich hab viele Freunde getroffen, einige unvergessliche Begegnungen, einige Hochzeiten (die scheinen sich erheblich zu häufen)...
Jedenfalls bin ich jetzt "back in UK" und hab mein zweites Jahr in Angriff genommen. Dieses zweite Jahr ist extrem spannend, da ein ganz neues Kapitel angeschnitten wird, nämlich das Restaurieren. In diesem Jahr werd ich - unter der Aufsicht der beiden Lehrer Paul Gosling und Peter Smith - ein recht altes, wunderschönes Cello zu restaurieren beginnen. Durch Glück, Engagement und etwas Vitamin B hab ich nun die Möglichkeit an diesem wundervollen Instrument zu lernen, und gleichzeitig ein Stück Geschichte Tag für Tag in Händen zu halten, mit dem Ziel, dieses wundervolle Stück Holz eines Tages wieder zum Klingen zu bringen. Ist das nicht absolut befriedigend? Ich fühl mich fast wie ein Chirurg (ohne Zeitdruck und ohne Porsche natürlich). Heute hatte ich also mein erstes Gespräch mit Paul und wir sind einige Details durchgegangen. Ich bin der festen Überzeugung, dass dieses Jahr ein sehr erfolgreiches werden wird!
Dann hab ich heute mit allergrössten Freuden festgestellt, dass ich nicht mehr der einzige Helvetier auf Platz bin! Ein Kommilitone aus Genf macht dem Foundationjahr die Ehre. Da seine beiden Eltern beide "Dütschschwiizer" sind, spricht er aber perfekt Dialekt. Wir haben uns heute bereits das erste gemeinsame "Pint of Bitter" genehmigt und ich hab ihm ein wenig von den hiesigen Sitten berichtet. Ich freue mich sehr auf die künftigen Gespräche!
Dann bin ich seit heute stolzes Mitglied der BMVA (oder British Violin Making Asosiation). Dies aber nur, weil die gerade ein sauteures Buch in Angebot haben, und Mitgliedern einen saftigen Rabatt gewährt wird. Die Geigenbau Bücher sind ohnehin extrem teuer, da die Druckqualität einfach gut sein muss (sonst bringts ja nichts) und die Auflagen halt einfach verschwindend klein sind... tja, das Los des Geigenbauers.
Dann hatte ich noch Mailkontakt mit einem Venezianer namens Stefano Pio. Er hat sich mit der Geschichte des Venezianischen Geigenbaus sehr fundiert auseinander gesetzt und zwei Bücher veröffentlicht. Dabei hat er aufgrund von Archiv Fakten die Geigenbauwelt (insbesondere die Welt des Handels) zum Teil recht erschüttert. Er hat zum Beispiel herausgefunden dass der langgeglaubte Geigenbauer "Michel Deconet" in Wirklichkeit ein Wandermusiker war und nur Instrumente in seinem Namen herstellen liess. Die grossen Auktionshäuser in London haben aber hunderte Zertifikate auf Instrumente ausgestellt, die sie Deconet zuschreiben und sich dabei eine goldene Nase verdient. Sogar letzten Frühling (ich war in London an zwei Auktionen) kam wieder ein Deconet-Geige zu einem hohen Preis unter den Hammer. Es scheint als ignorieren die englischen Kollegen in der Hauptstatt unten gewisse Neuerungen... Ein Grund mehr, sich hier auf einer abgeschotteten Insel zu fühlen.
Dann hab ich bald ein grosses Auto, einen Ford Transit. Ein Freund von mir, der von Wales nach Deutschland umzieht, hat ihn mir vermacht. Eine super Gelegenheit endlich mal die vielen schweren Sachen mit nach England zu nehmen. Auch für Countriside-Ausflüge wird sich das Mobil bestens eignen, nur vor der Zulassung graut mir jetzt schon... die Bürokratie in diesem Lande sprengt alle Vorstellungen. Die meistgehörten Floskeln in diesem Zusammenhang sind "I'm sorry, but", "unfortunatel we don't...." und "I'm not authorised to....." ("es tut mir Leid, aber...", "unglücklicherweise haben wir keine..." und "es ist mir nicht erlaubt..."). Da ich ja jetzt im zweiten Jahr bin, muss ich mich wieder durch all die Anmeldeformulare kämpfen, und die machen sooo keinen Sinn! Zum Beispiel wollen sie wissen, wie man angeredet werden möchte (Mr, Miss, Ms) und gleich nebenan fragen sie ob man männlich oder weiblich sei (kein Witz!). Oder dann muss man - zum x-ten Male - das Geburtsdatum angeben, und gleich darunten möchten sie wissen, wie alt man dann eigentlich sei... also irgendwie.... tragisch sind dann die fragenden Gesichter der Lehrer, die dazu verdonnert werden, diese Bögen mit uns auszufüllen, aber ich will mich jetzt nicht länger ärgern, denn ich freu mich ja!!
So meine Lieben, ich wünsche Euch allen ein schönes Wochenende!