Sonntag, 28. September 2008

016 Die Facetten des Geigenbauers

Liebe Freunde

War gerade zum Tee eingeladen bei Catherine Llewellyn-Jones. Llewellyn ist der Walisischer Vorname ihres Ur-Ur-.....Grossvaters. Anscheinend hat der da hinten in Wales mal viel bewegt und die haben ihm ein Denkmal gestiftet. Allerdings haben die gedacht, dass sein Nachname Llewellyn-Jones sei und deswegen tragen jetzt alle Nachkommen als Nachnaneme den kompletten Namen ihres Ur-Ur...Grossvaters, lustig oder? Jedenfalls ist Catherine eine interessante Persönlichkeit. Sie studiert Mathe in Leicester (sprich Lester) und spielt Kontrabass in diversen Bands. Ihre Mutter lebt auf einem Hausboot und verbrachte anscheinend einige Zeit in Afrika (vor ca 40 Jahren, das war noch n Ding!). Ihr Cousin lebt(e) in Davos wo er jeden Tag(!) im See schwimmen geht. Also eine "crazy family". Sie hat sich vor einigen Jahren ein Haus gekauft mit einem Garten mit der Grundfläche 3x60m, ohne Kohl. Ein Tisch hat kaum Platz in der Breite, aber der Garten ist lang genug um einen gemütlichen Spaziergang zu unternehmen. Das schöne am Leben hier ist auch, dass alle Studenten an einem anderen Ort wohnen und man somit die Gelegenheit bekommt die unterschiedlichsten Wohnungen zu Gesicht zu bekommen. Die meisten sind recht eng und verwinkelt gestaltet. Einige haben trotzdem noch ein funktionstüchtiges Kamin! Das ist dann schon sehr gemütlich.

Gestern Abend hatte ich 4 Gäste zu Besuch. Eigentlich ist unsere Küche gerade mal für zwei Personen angelegt, aber gestern assen wir zu sechst darin!! Die einen assen am Stehtisch, der Rest auf/an der Küchenablage. Die Mehrheit waren Franzosen, also gutes Essen gewöhnt, deshalb hab ich mich etwas ins Zeug gelegt. Hab ein RoastBeef präpariert, dazu gabs meine berüchtigten Rosmarin-Kartoffeln wie sie Helio so liebt und einen Tomaten-Mozarella-Salat. Als Vorspeise hab ich eine nicht wirklich reife Avocado in kleine Stücklein geschnitten, dazu rohe Tunfisch-Würfelchen, den Saft einer halben Zitrone und reichlich Salz und Pfeffer gegeben. Alles vermischt gab ein adäquates hors-d'œuvre. Die Franzosen haben geschwärmt. Als ich dann am Schluss noch ein Käseplättchen mit frisch gebackener Foccacia aufgetischt habe, waren alle vollends glücklich. Ich koche gerne für Gäste...Müsst halt mal vorbei kommen, haha!

Der Toolmakeing Cours (Werkzeuge selber machen) macht mir sehr Spass. Wegen meiner beruflichen Herkunft sind mir hier die meisten Maschinen recht vertraut. Deshalb bin ich wiederum recht schnell und deshalb hab ich beschlossen alle Werkzeuge 2x zu machen. Das Material wird uns ja zur Verfügung gestellt und die Zeit haben wir sowieso. Da wir am Freitag recht viele Leute sind, versuche ich in den Donnerstagskurs zu wechseln, da dann nur etwa 5 Studenten anwesend sind und die Lehrer somit mehr Zeit zur individuellen Betreuung haben. Mal schauen ob ich das mit meinem derzeitigen Stundenplan irgendwie schaukeln kann.

Wenn ich während der Schule etwas Zeit habe (manchmal müssen wir bis zu 30 Minuten auf den Technician warten) dann schnuppere ich ein wenig bei den 2.- und 3.-jährlern herum. Im zweiten Jahr lernen wir vor allem Restaurieren, Retouchieren und Reparieren. Ein wichtiger Punt dabei ist dann auch das Lackieren. Anscheinend eine knifflige Sache. Viele Gütterchen und Fläschchen stehen da herum. Auch künstlich erzeugtes UV-Licht zur Beschleunigung des Bräunungsprozesses des Holzes wird eingesetzt. Im dritten Jahr wird von den Studenten entweder zwei Geigen und eine Vordiplomgeige oder eine Geige und eine Bratsche oder ein Cello erwartet. Am liebsten würde ich natürlich eine Bratsche und ein Cello bauen um die komplette Familie beisammen zu haben. Mal schauen wies sich entwickelt. Jedenfalls ist das Reparatur-Handwerk bei Geigenbauern, das Know-How so zusagen, enorm wichtig. Es gibt viele Möglichkeiten sich als Geigenbauer auf dem Markt zu platzieren. Die wenigsten leben vom Bau der Geigen allein. Einige wollen nur mit Profimusikern arbeiten und haben nur eine Werkstatt. Einige spezialisieren sich auf das Restaurieren wertvoller Instrumente. Andere wieder wenden sich dem Handel zu (macht mich gar nicht an). Sichtbar für die Öffentlichkeit sind wohl diejenigen mit einem eigenen Ladenlokal. Wir haben in der Schule das Fach "Business Studies" und dabei gehts auch darum etwas über die Marktwirtschaftlichen Seiten des Jobs in Erfahrung zu bringen. Ich finde es recht gut, dass an der Schule darüber berichtet wird. Ich denke dass doch einige Leute hier die Tendenz haben nicht so 100%ig in der harten Realität zu leben. Vielleicht ist das ja auch gut und wichtig?! Jedenfalls gefällt mir das Schulkonzept und ich finde es sinnvoll.

So, ich genehmige mir jetzt noch etwas RoastBeef von gestern Abend und verbleibe mit den allerbesten Neue-Woche-Wünschen!

Euer Gabriel

Donnerstag, 25. September 2008

015 Session A9

Liebe Freunde

Ich komme gerade zurück aus Nottingham wo ich mit Freunden der Geigenbauschule an ein Konzert einer schottisch-traditionelle Fidel-Band namens "Session A9" gegangen bin. Die Jungs hattens echt drauf.


Wir sind zu fünft in einem recht kleinen VW die gut 40 Minuten 'gen Süd-Westen gefahren. Mit dabei waren Rose (die jüngste unserer Klasse), Will (ein grosser gutmütiger Schotte), Ian (ein kleiner gutmütiger Schotte) und seine Freundin aus Lettland (das heisst auf englisch "Latvia"). Ich war zuerst extrem verunsichert wo das wohl liegt. Plötzlich war mir dann klar, dass es Lettland sein könnte. Muss zu meiner Schande gestehen, dass ich nachher nicht viel besser Bescheid wusste wo das jetzt wohl liegt.

Wie dem auch sei, ich bin müde und schreibe morgen mehr.

CYA

Sonntag, 21. September 2008

014 Das alte Schlachtfeld

Liebe Freunde

Dieses Wochenende hatten wir wieder einmal richtig Glück mit dem Wetter hier oben in England. Das ganze Wochenende über einfach Sonne. Und das Klima war geradezu perfekt. Nicht zu heiss, wie ich es mag.

Gestern Morgen hab ich mir im Gartencenter etwas die Füsse vertreten. Wir haben hier eins gleich auf der anderen Seite der Strasse. Hab mich mit einigen unerlässlichen Gartengeräten eingedeckt um im Hinterhof der Schule ein wenig "aufzuräumen". Vor dem Gartencenter ist ein sehr grosser Parkplatz. Die meisten Menschen nehmen hier das Auto um sich fort zu bewegen. Ich wurde ziemlich komisch gemustert als ich da mit Spaten, Rechen, Gartenschere und dergleichen die Strasse entlang ging. Die Leute sind hier ein wenig pseudo-hyper-vorsichtig. Sie bringen alle ihre Kinder jeden Morgen zur Schule. Zu Fuss oder mit dem Auto. Auf den Böden aller Supermärkte hat es "wet floor" Schilder, obwohl man ihnen ansieht, dass sie etwas Wasser dringend gebrauchen könnten, nur um sicher zu gehen, dass im Falle jemand hinfallen würde, man ihn bestimmt darauf aufmerksam gemacht hätte, dass der Boden eventuell nass gewesen sein könnte. So eine Art präventive Entschuldigung für etwas wo man sowieso keine Schuld trägt. Die Engländer sind Meister darin. Jedenfalls kam ich mir mit all diesen Geräten wie der perfekte Prototyp des Serienkillers vor und ich hab richtig gespürt, wie die Mütter in den Autos ihren Kindern verboten mich anzuschauen (oder dergleichen) um nicht Schaden zu nehmen. Ach herjee... Die Meisten an der Schule sind über meine Gartenaktion wohl etwas irritiert und scheinen nicht so richtig zu verstehen worum es dabei geht. Bin sehr gespannt auf die Reaktionen der kommenden Woche. Wir wollen die Sträucher etwas zähmen, das Unkraut vom Kiesboden verbannen und vielleicht einige Blumen in Töpfe pflanzen. Diese könnte man dann im Winter auch problemlos irgendwo unterstellen. Auch eine Boccia-Bahn und ein BBQ sind angedacht und einige träumen sogar von einem Open-Air-Kino!! Für Gesprächsstoff wirds jedenfalls sorgen.

Gestern Abend war ich wieder mal zu einem multikulturellen Festchen eingeladen. Einige starteten mit Feiern bereits um 16Uhr. Ich bin dann so um 21.30 aufgekreuzt und da gings erst richtig los. Getanzt wurde in der Werkstatt der 3er WG bestehend aus Juan (Spanien), Max (wir haben zwei namens Max, Deutschland) und Neil (Irland/Australien). Die haben einfach alle Werkbänke zusammengeschoben, was an Instrumenten da war irgendwo an einen Nagel gehängt, zwei Boxen aufgestellt und den ganzen Abend Musik aus dem Internet "gestreamt". Der Hingucker des Abends war eindeutig Carla aus Barcelona. Sie ist anscheinend Schauspielerin und versucht in Cambridge Englisch und Schauspiel zu Studieren. Hier ist sie nur gerade für 3 Tage um die spanischen Freunde wieder mal zu besuchen. Also die ist ja nun wirklich kein Kind von Traurigkeit. Ich dachte ja immer ich sei extrovertiert, aber die, alter Schwede. Sie hat den ganzen Laden mal so richtig aufgemischt. Danach haben alle getanzt, gelacht, gesungen, ja sogar gespielt. Sogar die Leute, die sonst nie so richtig aus sich herauskommen hatten viel Spass. Es war sehr beeindruckend wie so ein Energiebündel mit viel Lachen und Witz selbst die müdesten Gesicher erhellen konnte.

Ich nutze fast jede Gelegenheit um herauszufinden warum die Leute hierher kommen. Einige sind schon etwas älter, die wollen das einfach, eine Art Verwirklichung eines Traums. - Verity zum Beispiel ist fast 50ig und fährt jeden Morgen über 1h Auto um zur Schule zu kommen. - Yenjeero aus Japan ist 33ig und ich hab noch fast nichts über ihn herausgefunden. Er lernt auch erst gerade englisch zu sprechen. Aber er ist hochanständig. Wir "Europäer" müssen ihm vermutlich ziemlich grob vorkommen. - Ken hat auf dem Bau gearbeitet. Auch er ist bereits 48ig und hat vorher die Gitarrenbauschule besucht. Er ist etwas gezeichnet von Rückenschmerzen und Knieproblemen und hat sich deshalb auch Gedanken über seine Zukunft gemacht. - Alisa hat Abitur gemacht und ist auf Reisen gegangen. Nach etwa einem Jahr wars ihr plötzlich klar.
Einigen Leuten ist wohl bewusst wie viel Glück sie haben hier sein zu dürfen. Ich bin sehr dankbar um dieses Privileg.

Heute Nachmittag wollte ich mich eigentlich mit Freunden zum Frisbee spielen treffen. Aber irgendwie war ich wieder mal spät dran und versuchte direkt zum Spielfeld zu gelangen. Ich war zuvor noch nie da, aber die Richtung war mir in etwa klar. Als ich so über den Marktplatz ging rief mir plötzlich jemand zu. Es war Salvatore aus Sizilien. Er macht hier den dreijährigen Klavier-Restaurationskurs und wohnt im anderen Haus von Henry. Hab ihn kennen gelernt als ich vor einigen Tagen die erste der beiden DHL-Kisten abholte (die zweite sollte übrigens am Dienstag kommen, drückt mir die Daumen!!). Ich hab ihn kurzerhand zum Mitspielen eingeladen und spontan wie die Italiener sind ist er natürlich mitgekommen. Wir haben uns prächtig unterhalten über Politik, Kultur, die Verhaltensweisen der Engländer...und sind schliesslich an einem Sportplatz angelangt. Ich dachte dass es dieser wohl sein müsse. Wahrscheinlich seien die Andern einfach noch nicht hier. Also beschlossen wir uns auf die Bank am anderen Ende der Wiese zu setzen. Als ich so über dieses Feld gehe, merke ich plötzlich, dass ich schon einmal hier war und zwar mitte Juni. Und dieses Feld war früher mal ein "Battlefield" oder Kriegsfeld. Da haben sich die Heere auf beiden Seiten der Wiese aufgestellt und sind dann mehr oder weniger koordiniert auf einander zugerannt. Ich verspürte damals eine merkwürdige Schwingung, nicht schlecht eigentlich, nur intensiv. Hier der Link zum Feld. Leider kann man die Höhenkurven nicht so gut erkennen. Das sattere Grün ist eine Vertiefung, könnt ihr es euch vorstellen? Und auf dieser Bank haben wir gesessen, über 2 Stunden. Von Frisbee und anderen Kollegen keine Spur. Wenn ihr auf der Karte etwas zurückzoomt könnt ihr leicht feststellen, dass da in der Gegend noch einige Sportplätze wäre. Wird wohl einer von denen gewesen sein, tja...

So, genug für heute.... Liebe Grüsse und guten Wochenstart

Freitag, 19. September 2008

013 Der englische Garten

Liebe Freunde

Gestern Abend war ich im Hause von Rachelle wo noch 6 andere Franzosen wohnen. Wenn man zur Wohnung hinein kommt merkt man sofort das mediterrane Klima. Die haben so ne richtige Küche und die ist zentral und wichtig, ein Ort der Begegnung. Herrlich. Einige in unserer Klasse meinten wir könnten doch mal so n Bisschen singen zusammen. Ich fand das eine tolle Idee. Schlussendlich waren wir zu acht (7 Franzosen und ich), na toll. Die haben ganz eine andere Notensprache. Wir benennen ja die Noten nach ihren tatsächlichen Klangnamen, die benamseln alles mit do re mi fa sol la si do. Das haben wir damals im Kindergarten mal durchgenommen bei Geda Öttiker. Kann mich noch gut daran erinnern. Musikalische Vorschulung oder so.... Jedenfalls haben wir Bach gesungen. Ein Choral aus der Matthäuspassion. Wunderschön, ganz nach meinem Geschmack. Nach einem kurzen Einsingen haben wir dann eine Stimme nach der Anderen gemeinsam erarbeitet. Es war sehr erhebend und eine schöne Arbeit. Hat mich sehr an früher erinnert. Es ist so viel Wert mal auf einem gewissen Niveau musiziert oder wenigstens gesungen zu haben. Man hat einfach eine Vorstellung von gewissen Dingen und es hilft einem zu Gestalten. Nach der Probe wurde ich noch mit einer Elsässer Gemüsesuppe beschenkt und mit leichtem Klarinette/Gitarren-Jazz berieselt. Es war so friedlich. Und alle beisammen in der Küche. Jeder hat was "gchnüsperlet". Das vermisse ich ein wenig, das zusammen Essen.

Heute morgen hab ich mich sehr auf die mechanische Ausbildung gefreut. Will ja diesen Perfling-Marker aus Messing herstellen. Letzten Freitag waren wir etwa 5 Leute. Heute Morgen standen dann plötzlich 17 Leute auf Platz und irgendwie sind die Tutoren etwas aus der Ruhe gekommen. Was mich dann etwas aus der Ruhe brachte war, dass wir dann zu Siebzehnt um den grossen Tisch sassen und alle ihre Wunschtermine und Problemchen einzeln thematisierten und alle 5 Minuten wieder ein weiterer Sudent ins zimmer torkelte. MANN(!!!), jeder hat doch einen Stundenplan. Das Problem ist, dass nur 12 Arbeitspläz zur Verfügung stehen und die Administration wieder mal einen riesen Schlamassel veranstaltete. Tragischerweise schieben sichs die Jungs dann jeweils gegenseitig in die Schuhe. Nach sage und schreibe 35 Minuten (19 mal 35min = 11h und 5min), also einem langen Arbeitstag haben wir uns dann so allmählich arrangiert. Aber dann hab ich Gas gegeben. War fleissig an der Drehbank. Hab sogar schon randriert (eine Technik mit der man runde, glatte Oberflächen (meist Schrauben) aufraut um sie von Hand festziehen zu können, hier das Werkzeug dazu). Hat richtig Spass gemacht. Ken (der mich immer an Herrn Schenker unseren damaligen Französischlehrer erinnert) hat richtig Freude am demonstrieren wie die alten Stühle funktionieren. Bin voller Vorfreude auf nächstes Mal.

Hinter dem Schulgbäude haben wir eine Art Garten oder so. Völlig verwildert und grau. Ich hab Rob (Robert) unseren Klassenlehrer gefragt ob ich da mal ein wenig aufräumen dürfe. Er war sehr begeistert über diesen Vorstoss. Anscheinend kümmert sich niemand um das Gewächs und es wuchert einfach so vor sich her. Ich hab dann 3 weitere Leute mobilisiert, die auch gerne etwas mit anpacken würden. Wir haben gerade wunderschönes Wetter und als ich nach der Schule über den Marktplatz schlenderte, hab ich diesen Futterhändler bemerkt, der auch etwas Gartenwerkzeug verkauft. Ich hab mir da ein paar Scheren und etwas Schnur und natürlich Lederhandschuhe gekauft. Anschliessend hab ich angefangen die Gebüsche und Stauden zu lichten. Am übelsten sind die wilden Brombeeren. Ihr wollt gar nicht wissen, wie meine Arme jetzt aussehen. Hab etwa 2h gearbeitet und hab richtig Freude daran. Hab das Gefühl, dass das ein ganz nettes Plätzchen wird. Vielleicht sähen wir etwas Rasen, stellen ein paar Töpfe mit Pflanzen auf um etwas Farbe in diesen noch so düsteren Hinterhof zu bringen. Schön ist, dass die Studenten die da ständig an einem vorbeigehen irgendwie mitbekommen das was geht. Bin immer offen für Ideen. Schicke später mal ein Foto, vielleicht hat jemand von Euch auch noch eine Anregung? Wer weiss...

Heute Abend ist Gipsy Jazz im White Hart. Mal sehen wie das so klingt.

Ich wünsche Euch allen ein schönes Wochenende!

Donnerstag, 18. September 2008

012 DHL und andere Katastrophen

Liebe Freunde

Wieder sind ereignisreiche Tage verstrichen. Am Montag hatte ich ja meinen letzten Geburtstag bevor ich dann dreissig werde. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön für alle Post, die Mails, Posts, Telefone, facebook-Einträge etc... ein gutes Gefühl zu merken, dass man in der Heimat noch wahrgenommen wird.

Da ich bis 8Uhr Schule hatte blieb nicht so viel Zeit zum feiern. Hab dafür gut gegessen und mir nach der Schule noch ein Kinobesuch geleistet. In der Schule hab ich dann über Mittag einige Schachteln Muffins und Berliner organisiert und einfach mal im Pausenräumchen deponiert im Sinne von "mal schauen ob sie mit der Zeit verschwinden...". Und tatsächlich, nach kürzester Zeit waren alle weg. Lustig wie das funktioniert...

Also jetzt kommt eine Story: Hab doch bevor ich die Schweiz verlassen hab, zwei grosse Alu-Kisten der Schweizer Armee (also die gehören mir, unter ADA's auch bekannt als "Kochkiste 65") vollgepackt mit Kleider, Werkzeug und allerlei Hausrat, per Internet aufgegeben und zum abholen bereitgestellt. Das alles ging noch verhältnismässig einfach. Ich musste nur etwas improvisieren mit meinem Firmennamen (den ich nicht hab) und der Firma des Freundes in England (die er auch nicht hat). Ansonsten schien es recht reibungslos zu klappen. Schlussendlich hatte ich also die beiden Kisten mit insgesamt 150kg Fracht. Ein Kurier von DHL sollte diese dann am Freitag 29.Aug. abholen (also ein Tag nach meiner Abreise), was er auch tat.
Aber dann. Zuerst einmal hatte der Zoll in der Schweiz ein Problem mit der Deklaration "Husrat" auf beiden Kisten. Irgendwie schien den welschen Beamten das Olivgrün im Zusammenhang mit dem soliden Aufbau der Kisten nicht zu gefallen (es könnte sich ja um Stingerraketen handeln). Jedenfalls liessen sie den Empfänger (bzw dessen Firma) wissen, dass sie, um die Wahre ausführen zu können, etwas klarere Angaben bräuchten. Bis diese Info bei Henry (meiner Kontaktperson) per Kurier ankam, sind 2 Tage ins Land gezogen. Henry hat dem Kurier dann meine Email gegeben und ich wartete und wartete. Nach 5 Tagen beschloss ich mich mal zu melden und hab eine Nummer der DHL-Zentrale in Genf gewählt, die ich vom netten Fräulein bekommen hatte, als ich damals beim Ausfüllen der Online-DHL-Ausfuhrpapiere plötzlich nicht mehr weiter kam und die Hotline kontaktierte. Jedenfalls muss man da immer zuerst eine Sendungsnummer "durebröösmele" bevor die einem helfen können. Nachdem ich alle 7 in Frage kommenden Nummern auf dem Blatt durchgegeben hatte und die äusserst kooperative Dame am anderen Ende der Leitung der Verzweiflung nahe war, zückte ich dann noch die ev 8te Nummer und damit konnte sie mir dann weiter helfen. Sie war allerdings ziemlich durcheinander weil ich einerseits diese Telefonnummer gewählt habe und andererseits, weil sie meinte, das Problem sei der falschen Abteilung übertragen worden. Jedenfalls forderte sie mich auf zwei Listen mit dem gesamten Inhalt der beiten Kisten zu erstellen und ihr dann umgehend per Email zukommen zu lassen. Ich, geistesgegenwärtig wie ich damals beim Einpacken der beiden Kisten auf dem Balkon meiner Eltern war (es war eine riiiesen Auslegeordnung, und ohne die spontane Hilfe von Pia wär ich wohl heute noch am Packen), hab ich tatsächlich zwei separate Listen erstellt mit detaillierten Inhaltsangaben. Glücklicherweise hatte ich diese Listen bei mir und innerhalb von Minuten zum Senden bereit. Wieder einige Tage später hab ich bei *Henry angerufen (der sich jetzt ein Haus in Lincoln gekauft hat und z.Z. mit Umbauarbeiten beschäftigt ist) und gefragt ob was gekommen sei.

*Henry: Geigenbauer, Häuserbesitzer, Heimwerker, Alternativenergiejünger, gleicht irgendwie einem Hobbit. Sau netter Kerl, ständig im Stress, zuvorkomend, liebt alles was schön, organisiert und kultiviert ist. Sein Vater ist ein sensibler Mensch. Freischaffener Künstler würd ich mal sagen. Seine Mutter (hab sie mal kennen gelernt) ist Hebamme, ein richtiger Drache. Alter Schwede, bei der möchte ich nicht gebären, aber das erübrigt sich wohl für dieses Leben. Henry wohnt zwischenzeitlich in einem seiner Häuser. Unter ihm hat eine Frau (etwas über 50ig) ein Kiosk mit einem kleinen Laden. Wenn Pakete für Henry kommen und er gerade nicht da ist, nimmt sie diese entgegen. Meine beiden Kisten sollten auch hier landen...

Er fragt also bei seiner Nachbarin nach ob was gekommen sei. Nichts. Henry versucht es also bei seinem Kontakt bei DHL Nottingham, der ihm letztes Mal seine Daten hinterlassen hat. Dieser meint nur, er hätte mir das Mail geschickt aber bis heute noch nichts bekommen. Vielleicht liege es an meinem Spam-Filter. Das hätten sie oft.
Also ich bin sicher, dass ich nie eine Mail bekommen habe. Jedenfalls hat sich Henry die Sachen dann auf seine Mail senden lassen und mir den Papierkram weitergeleitet. Also die Briten haben irgendwie schon ihr eigenes System... Ich musste also alles nochmal ausfüllen, musste angeben was ich in England mache, wie lange ich bleibe, ob ich die Ware weiterverkaufe, meinen festen Wohnsitz bekanntegeben (da verstehen die Engländer etwas ganz eigenes drunter), etc... damits schneller geht wollte ich die Papiere (sieben Seiten!!) gleich faxen. Hab dann den Rektor der Geigenbauschule (Peter Smith) gefragt, ob ich seinen FAX benützen dürfe. Er meinte dass dieser nicht zum Faxen taugt, sie benützen ihn nur als Drucker. Ich solle es mal im College versuchen. Also nichts wie hin. Die meinten sie hätten einen FAX aber damit können sie nur Empfangen aber keine Senden, da sei was defekt. Also versuchte ich es bei der POST. Aber die Leuter der Royal Mail verwiesen mich auf eine Papeterie namens OSBOURNE vis-à-vis der Geigenbauschule. Die wollten für den FAX knappe SFR10.- verlangen. Mit diesem lokalen FAX-Monopol könnten sie warscheinlich jeden Preis "höische". Ende gut, alles gut und der FAX war weg. Weitere 3 Tage später wieder Nachfragen bei Henry. DHL meinte, sie hätten keine Post gekriegt, Henry erklärte ihnen das Prinzip der FAX-Machine. Sie würden gleich mal nachsehen... und siehe da.
Am Dienstag Nachmittag meldete ich mich dann persönlich bei DHL Nottingham. Das braucht irgendwie immer noch etwas Überwindung, weil die dann doch so schnell sprechen am Telefon und ich mir spätestens nach dem dritten "excuse me" etwas dumm vorkomme. Der Typ fragte wiederum nach dieser Sendungs-Nummer worauf ich wieder zu schwitzen begann. Ich versuchte ihm meine Frustration sanft mitzuteilen worauf er meinte er sei nur ein Büroangestellter und habe mit dem Lieferservice nichts zu tun. Ich bat ihn mich per Mail über den Lieferstatus zu informieren. Am Abend hatte ich dann eine Mitteilung, dass die eine Sendung alsgeliefert wurde und die andere kurz davor stehe. Jetzt wartete ich nur noch auf den Anruf von Henry. Der kam heute. Er holte mich ab und ich fuhr ihm quer durch die Stadt mit dem Fahrrad bis zu seinem Asyl nach. Dort angekommen, wie der Blitz in den Kiosk rein. Hab der Dame erklärt wer ich bin. Sie hat nur abgewinkt und gemeint: "Ach, die Kiste sei viel zu gross Gewesen, sie hätte doch nie und nimmer Platz gehabt für solch grosse Ware und hätte die Fracht nicht entgegengenommen..." Ich war den Tränen nahe. Gesenkten Hauptes teilte ich Henry meine News mit. Wir riefen sogleich DHL an um zu klären wann sie wieder liefern können. Nach dem 10. Mal weitergeleitet zu werden teilte man uns mit, dass eine der Lieferungen angenommen worden sei und dafür auch unterschrieben worden sei. Jetzt wurde es spannend. Wir beide wieder runter zum Kiosk. Die gute Dame hat also trotzdem ne Kiste entgegengenommen, aber nur eine. Diese hatte sie dann in ihrem Kämmerlein unter WC-Papier und dergleichen verstaut.
Letztendlich trensportierten wir diese Kiste also doch noch zu meinem bescheidenen Heim und ich fühlte mich wie an Weihnachten...

Jetzt bin ich müde und muss ins Bett...

Ich wünsche Euch allen eine gute Nacht!

Samstag, 13. September 2008

011 Zwei sonnige Tage

Liebe Freunde

Die letzten zwei Tage hier in Newark waren wirklich richtig schön, ja fast schon anmutig. Hab hier einige Fotos auf mein Picasa-Album verlinkt. Die Fotos führen Euch zu den friedlichsten Orten Newarks und sind jeweils mit einem kleinen Text versehen. Ausserdem habt Ihr so die Gelegenheit mal etwas der Sonnenseiten Engalnds zu sehen (ich liebe Wortspiele!!).

Dieses Wochenende hab ich mehrheitlich gefaulenzt. Die Woche davor war sehr streng und ich fühlte mich oft müde. Also hab ich viel geschlafen und dann natürlich auch gut gegessen. Die Anderen hier im Haus denken wohl ich spinne. Keiner braucht pro Mahlzeit so viele Pfannen wie ich. Der eine meinte schon ich sei besser Koch geworden. Hab halt noch nie die Mikrowelle benutzt. Allgemein bringen mir meine Mitbewohner wenig Verständnis entgegen, für das was ich hier mache. Sie müssen halt hart arbeiten für wenige Pfund in der Stunde. Auch in der Nacht und am Wochenende. Dass man da von weit her kommt um irgendwas mit Holz und so zu machen....?!

Am Freitag hab ich mir bei Morrisons für £8 einen 30x40cm2 Marmorstein gekauft. Er ist eigentlich für die Küche gedacht, aber was der Küche nicht schadet, kann meinem Hobel auch nur zu gute kommen. Die Schule hat nämlich ihre alten Hobel verhökert und ich hab mir einen unter den Nagel gerissen. Muss ihn allerding etwas überarbeiten. Er ist immerhin 36cm lang und alle Teile sind dabei. Hab nur gerade £10 dafür bezahlen müssen. Seine Unterseite ist allerdings alles Andere als eben. Jetzt will ich den Hobel mithilfe des Steins und eines Schleifpapiers sorgfältig abrichten und dann auch die Klinge schärfen um richtig präzise Fugen zu hobeln. Das Abrichten gefällt mir. Es hat was Meditatives den Hobel sorgfältig und stetig über den Stein zu schieben, ohne viel Druck aber mit viel Geduld und (wie Bruce sagen würde) mit Zuversicht! Hier einige Bilder davon.

Am Freitag hatten wir ja zum ersten Mal den Engeneering Course. Da geht es drum sich einige Mechanische Grundkenntnisse zu holen und unter Umständen ganz hübsche Werkzeuge herzustellen. Ich habe vor da richtig abzuräumen. Die haben uns einen Katalog mit allerhand Beispielen vorgestellt. Beginnen tu ich mal mit einem Perfling-Cutter. Das ist ein Werkzeug, mitdem man die die Nute für die Einlagen in der Decke anschneiden kann. Das sieht dann etwa so aus: LINK Der eine Lehrer gleicht einem alten Bezirksschullehrer von mir, dem Herrn Hugo Schenker. Gleiche Nase, gleiche Ohren, gleiche Verhaltensweisen ja sogar der Humor, wie ist das möglich?

Mit der hiesigen Post ist es ja so eine Sache. Am Mittwoch hatte ich einen Abholschein für ein Paket in der Post mit der Bemerkung "weil Türschlitz zu klein". Wir haben da ja keinen richtigen Briefkasten. Das wird einfach durch den Türschlitz geschoben und landet am Boden. Jedenfalls bin ich dann mit dem Scheinchen zur Post. Mein Mitbewohner meinte dann gleich, dass ich aber zur Paketpost müsse, die sei hinter dem Busbahnhof. Ich also zum Busbahnhof, dort hat mir ein am Steuer eingeschlafener Chauffeur ganz freundlich den Weg erklärt. Dummerweise bin ich dann im Werkhof gelandet (Sackgasse) und alle haben mich irgendwie fragend angeschaut. Ich begriff und hab das Gelände grossräumig umfahren. Nach langem Suchen und Fragen hab ich dann endlich ein doppeltes Stahlgatter mit Barriere gefunden wo so ein "Royal Mail"-Schild dran hing. Es sah irgendwie sehr unöffentlich aus. Trotzdem begab ich mich auf das Gelände und umradelte geschickt alle Hindernisse die in ihrer Gesamtheit einem ZUKO-Dispositiv glichen, wie ich es aus der RS kannte. Am Ende war so etwas wie ein Barrieren-Wärter-Kabinchen. Komisch dachte ich und riskierte einen Blick hinein. Da war doch tatsächlich eine Glasscheibe und ich konnte weiter nach hinten in einen Lageraum blicken. Voller Freude über das Paket klingelte ich und überreicht der Angestellten mit grosser Zielsicherheit meine ID zusammen mit der Abholkarte. Die Gute kehrte sich um und tauchte ebenso frohen Mutes in ihr Reich der Pakete ein. Nach zwei Minuten bemerke ich langsam wie sich hinter mir eine Schlnge bildet (die Engländer sind Weltmeister im Schlangen bilden, hab ich das schon erwähnt? Das kann jeder, sogar der am schlechtesten Erzogene, das kommt irgendwie mit der Muttermilch). Freundlich nicke ich nach hinten und äussere ein trockenes "häiä" was eigentlich "how are you" heissen sollte und soviel wie "wie gehts ihnen" bedeutet. Aber hier lässt sich das eher mit dem schweizerischen "zi mitenand" übersetzen. Wenn mann nämlich auf ein "häiä" mit einen "thank you I'm fine and you?" antwortet, dann erntet man nur Missverständnis und vielleicht ein verlegenes Stirnerunzeln. Nach 7 Minuten hör ich die Gute langsam laut werden inmitten ihrer Kartonschachteln. Wenig Später ruft sie ihrem Kollegen um sich dem Fall anzunehmen. Endlich bedient sie ein paar andere Kunden. Es ist fürchterlich wenn man die Messer der Leute hinter einem bereits im Rücken spürt. Im Schnitt hatten diese 20s und voilà, aber ich stand immer noch da. Ihr Kollege kam plötzlich zum Schalter und fragte: "Haben Sie vielleicht ne Ahnung was es sein könnte?" Spätestens jetzt ahne ich Schlimmes. Ich erwäge ein scheues: "Vielleicht kommts aus der Schweiz?!", sehe aber seinem verzweifelten Blick an, dass ihm diese Information nicht wirklich weitergeholfen hat. Nach 20 Minuten gibt er mir den Zettel zurück und versichert mir mich am anderem Morgen anzurufen (was er natürlich nicht tat). Dafür hatte ich am anderen Tag einen zweiten Zettel mit den gleichen Infos am Boden vor dem Schlitz in der Tür. Ich also nichts wie hin und schob demonstrativ beide Zettel unter der Glasscheibe hindurch. Und siehe da, mein Paket ward gefunden. Ein Hoch auf die Royal Mail!!

Morgen hab ich einen langen Tag! Schule bis 20Uhr. Muss langsam ins Bett...

Danke fürs zuhören und schöne Woche Euch allen!!

Donnerstag, 11. September 2008

010 Vollgas voraus

Liebe Freunde

Heute texte ich mal wieder einige liebevoll zusammengestellte Sätze in den Blog. Einige von Euch schicken mir ganz liebe Kommentare zurück, die mich natürlich sehr aufstellen. Ihr könnt auch hier im Blog Kommentare hinterlassen, die dann alle sehen können. Dazu müsstet Ihr dann jeweils am ende des Blogs auf den Link "x Kommentare" klicken. In dem Feld dass dann erscheint könnt Ihr die Nachricht hinterlassen und dann unten noch den kleinen, runden Knopf, debendem "Name/URL" steht drücken und im Feld Euren Namen eintragen, dann noch auf "VERÖFFENTLICHEN" klicken, das wärs schon.

Max und ich sind fast in jeder freien Minute im Workshop. Wir motivieren uns gegenseitig. Max kommt aus dem Nordwesten Deutschlands. Sein Vater ist Geigenbauer. Er ist erst 21 Jahre jung, recht gross, schlank gebaut und für sein Alter recht reif. Wir sind die einzigen in unserer Klasse (bis jetzt) die so ziemlich Gas geben. Das erklärte Jahresziel (bis Juni 09) ist es eigentlich zwei Geigen zu bauen. Zuerst die Eine schön nach Vorschrift, Schritt für Schritt, inkl. Händchen halten. Die zweit Geige sollte dann selbständig nach diesem Beispiel und anhand der Fehler und dem daraus Gelernten und in kürzerer Zeit gebaut werden, wobei immer wieder betont wird, dass man eine Balance zwischen Qualität und Geschwindigkeit anstreben soll (Effizienz). Es gibt halt da recht grosse Unterschiede schon von der Vorbildung her. Für mich ist diese Schule halt DIE Chance mein Traum zu verwirklichen. Für andere ist es halt vielleicht die Erstausbildung oder das, was sie eben auch noch toll fanden und der Freund gerade sowieso auch Gitarrenbau studiert. Ich hab so das Gefühl, dass die Selbsterwartungen stark auseinander klaffen.
Was ich anstrebe ist das Bauen von zwei Geigen gleichzeitig. Das heisst, alles was ich im Unterricht mit dem Lehrer an der einen Geige lerne, kann ich in der Freizeit 1:1 an meiner zweiten Geige umsetzen. Natürlich bedeutet das eine Menge Mehrarbeit aber wenn ich gewisse Leute so betrachte.... mit übereinandergeschlagenen Beinen und krummer Haltung versuchen sie - eine Nagelfeile in der Hand haltend - an einem 15-fach querverleimten Sperrolz-Formbrett und einem seichten Lächeln im verschlafenen Gesicht (von der gestrigen Party) etwas staubaufwirbelnd die 5mm Material die noch fehlen bis zum Strich loszuwerden. Ich hab ja dann jeweils dieses Problem mit dem ZNS. Anfangs hab ich versucht einigen Tipps zu geben, aber damit positioniere ich mich in einer Ecke wo ich eigentlich gar nicht sein möchte. Jedenfalls versuche ich nach Kräften den "diem" zu "carpen", wenn Ihr wisst was ich meine. Carpe diem heisst übrigens viel eher "pflücke den Tag" als "nutze den Tag", schön oder? Das hab ich natürlich nicht selbst herausgefunden, das hab ich von Marta.

Morgen hab ich zum ersten Mal den "toolmaker"-Kurs. Da lernen wir mit Maschinen umzugehen. Ich hab ihn deshalb belegt, weil wir da gediegene Werkzeuge herstellen können und immerhin das ganze Material umsonst kriegen. Die haben Drehbänke, Fräsen, natürlich Bohrmaschinen und auch eine Hartlöt-Station. Freu mich schon sehr drauf.

Ja und dann ist schon bald wieder Wochenende...heute bin ich über 2 Wochen in England. Bin sehr gespannt, wie ich die Schweiz ende Oktober erleben werde. Mir gehts sehr gut. Allgemein bin ich recht müde nach der Arbeit. Das stetige wechseln der Sprachen ist schon ziemliches Kopftraining. Auch die körperliche Arbeit schlaucht. Hab so einen Hunger wie ich ihn lange nicht mehr verspürt habe. Das ist eigenartig.

Ah noch ne Geschichte. Heute wollte ich etwas Holz kaufen um die zweite Geige zu bauen. Also ging ich zum Neal, dem Techniker, und hab ihm meine Absicht mitgeteilt. Schliesslich hat die Schule einen ganzen Save voll. Daraufhin er: Ah, da müsse ich zuerst zum Sekretariat (anders Gebäude an anderem Ort) um den Holzbeschaffungszettel zu holen. Dieser müsse dann von meinem Lehrer visiert werden. Daraufhin würden wir Holz auslesen gehen in den Save, alles zusammen zählen, und auf den Zettel schreiben. Damit ginge ich dann wieder zum Sekretariat, die verwiesen mich dann an den Enroulment Desk. Dort müsse ich schliesslich meine Student-Card zücken und einige Fragen beantworten. Nach dem Bezahlen bekäme ich eine Quittung und müsse diese dann wieder ihm zurück bringen.
Unterdesen würde der ja alle Zeit der Welt haben, um ne halbe Geige aus meinem Holz zu bauen. Das Gute daran: Man bleibt fit vom Hin und Herrennen. (Ich habs tatsächlich in einem Tag geschafft!)

Wünsche Euch allen einen schönen Abend!

Mittwoch, 10. September 2008

009 Keine Zeit...

Liebe Freunde

Da ich grad viel zu tun habe sende ich Euch einen Link mit Fotos von den letzten Arbeiten. Einige Fotos müssten sich wohl mithilfe des letzten Berichts selbst erklären.

Hier der Link

Viel Spass

Dienstag, 9. September 2008

008 Ich komme gut voran

Liebe Freunde

Die letzten zwei Tage war ich sehr produktiv im Workshop (Werkstatt). Montags haben wir jeweis von mittags bis abends 8Uhr Unterricht. Das sind sich viele nicht gewöhnt aber ich merks grad gar nicht vor lauter Freude =)
Ich hab ja dieses Template (schwarze Schablone) fertig gestellt. Ein zweites kommt dazu, welches von der Aussenkante des Ersten ca. 3,5mm nach innen versetzt zugeschnitten wird. Anhand dieses "inside template" wird dann die "mould" (das Formbrett) hergestellt. Ich hab natürlich Vollgas gegeben und immer darauf geachtet, dass ich auch präzise arbeite. Ich geb mir Mühe immer pünktlich zu sein und gute Fragen zu stellen (fast wie ein kleiner Streber). Das Formbrett hab ich jetzt bereits ausgesägt (natürlich von Hand). Die Art und Weise wie die Leute hier dann die genaue "shape" (Aussenkante) anpeilen find ich nicht so optimal. Um der Aussenlinie des Formbretts entlang eine präzise 90°-Kante zu haben, hobeln sich die meisten einen Klotz zurecht und heften mit einer Schraubzwinge eine Feile an die eine Fläche. Mit der 90° versetzten Fläche gleiten sie dann entlang des Formbrettes und tragen somit nur im 90°-Winkel Material ab. Unglücklicherweise verspüre ich bei dieser Methode so ein Zucken im ZNS (ZentralNervenSystem) und deswegen hab ich mir heute ein "tool" (Werkzeug) gebastelt.
Im Wesentlichen ist es einen Holzzapfen in dem ein Bohrer zentrisch fixiert ist. Im Zapfen befindet sich ein kleiner Schlitz in dem sich Schmirgeltuch einspannen lässt. Spannt man diesen Zapfen in die Ständerbohrmaschine und fixiert die Grundplatte knapp unter dem Zapfen, kann man gemütlich mit dem Formbrett dem sich schnell drehenden Zapfen entlang fahren ohne sich die Hände mit Zwinge, Klotz, Kork und Feile (sieht wirklich hanebüchen aus) wund zu schürfen. Ich denke Stradivari hätte das auch nicht so gemacht. Sehr wahrscheinlich wäre ihm eh etwas noch viel Besseres eingefallen. Ich bin ja auch noch am Lernen.

In Zukunft vermeide ich solch detailliert technische Erklärungen wohl eher, aber hatte leider grad keine Kamera zur Hand.
Um 9.30PM steigt in der Stadt noch ne "jam session". Wird sicher wieder ähnlich friedlich wie am Sonntag.

Schönen Abend wünsch ich Euch allen!!

Montag, 8. September 2008

007 Jam Session

Ein "Bettmümpfeli"

Ich komme gerade von einer Jam Session zurück. Da waren ganz viele Leute der Geigenbau- und Gitarrenbauschule. 80% Franzosen aber auch Iren , Deutsche und Engländer. Da ist ja richtig die Post abgegangen! Alter Schwede hat das Spass gemacht. Alle haben auswendig gespielt. Einer beginnt mit einer Melodie und die Anderen steigen ein, einfach so. Viele Geigen, eine Tin Whistel, ne Querflöte, ein Buzuki und sogar eine Drehleier haben ihr Bestes gegeben. Vreni hätte ganz sicher ihre Freude daran gehabt. Nebenan haben die Neo-Hippies an ihrem Schal "gelismet" aber die meisten haben vor allem nur gestaunt. Das Tempo mit dem da einige Leute aufgefahren sind war einfach atemberaubend! Bin ganz erfüllt.

Wünsche allen eine gute Woche!

Sonntag, 7. September 2008

006 Der Pokerclub

Liebe Freunde

Gestern hats vor allem geregnet. Erst gegen Abend hat der Niederschlag allmählich nachgelassen. Trotzdem ging ich mit meinem tollen Bike "zünftig" einkaufen. Meistens geh ich zu Waitrose, einem qualitativ hochstehenden Supermarkt. Dafür sind die Preise entsprechend. Aber man nimmt sich beim Shoppen auch mehr Zeit und schaut genauer hin was man kauft und eventuell woher es kommt oder wie es produziert wurde. Jedenfalls hab ich da immer Mühe mit Bezahlen. Schon letztes Mal wurde meine Karte nicht akzeptiert. Aber gleich daneben hats einen "cashpoint" oder Bankomat wie wir sagen. Bei Waitrose hab ich auch ein feines Wach-Öl gefunden mit Bienenwachs und Orangenöl. Das brauche ich um die hergestellten Griffe damit zu polieren. Hmm wie das duftet...

Seit Tagen versuche ich hier in Newark ein Bankkonto zu eröffnen, da ich einerseits Schweizer bin und ich dann andererseits nicht ständig irgendwelche Gebühren entrichten muss wenn ich mal Geld brauche (5.- pro Geldabheben und 1% vom Warenwert bei EC-Direct!!). Aber die Banken brauchen sowas wie ne Wohnsitzbestätigung. Diese kriegt man in der Regel nur wenn man eine Bankkonto hat. Ihr seht das Dilemma. Glücklicherweise akzeptiert man hier - da keine Einwohnerkontrolle - beispielsweise auch eine an mich adressierte Rechnung eines staatlichen Unternehmens wie dem Elektrizitäts- oder Gaswerk. Leider bekomme ich dieses Dokument nicht, da ich nur Untermieter bin. Da gibt es aber noch ein Schlupfloch und zwar meine schweizer Bank. Die kann nämlich bestätigen dass sie mit mir eine "geschäftliche" Beziehung führt und für genau diesen Zweck dieses Formular erstellt. Das kostet dann 100.- (!) und wird nur an meine schweizer Adresse versandt. Und somit ist es der englischen Bank wieder zu wenig, da sie explizit....usw... Ein endloser Bürokratenkrieg. Ich hab dann unzählige Male mit meiner Bank telefoniert und schlussendlich haben wir uns darauf geeinigt, dass sie mir an meine UK-Adresse eine Jahresend-Abrechnung 2007 schicken könnten. Dies aber nur auf ein schriftliches Verlangen hin (FAX gilt nicht, Email ist zu unsicher, Telefon sowieso, SMS hab ich gar nicht erst gefragt). Jetzt hab ich also einen Geschäftsbrief aufgesetzt mit der oben erwähenten Bitte. Ich hoffe nur, dass das gute Fräulein mein Begehren auch versteht und ich kein einziges Detail ausgelassen habe, sonst beginnt der Zirkus wieder von vorne *heul!*

Am späteren Nachmittag hab ich mich dann sogar noch handarbeitlich betätigt. Hab mir bei Wilkinson Nadel und Faden besorgt und mir ein paar Löcher in meiner geliebten Baumwolljacke "gewiflet". Ich kann das (wusste ich auch nicht)! Mamma wäre bestimmt stolz auf mich.

Am Abend wurde ich von Jörg (im 2. Jahr) zum Pokern eingeladen. Jörg ist 43 Jahre alt, kommt von Berlin und hatte sein eigenes Fliesen-und-Bodenbeläge Geschäft. Er wohnt zusammen mit Steffi die er in November heiraten wird. Sie ist auch Geigenabuerin und kommt ursprünglich auch aus Berlin. Die Beiden haben oberhalb eines Maklergeschäfts eine hübsche Wohnung mit viel Lichteinfall. In deren Küche sollte dann also der Pokerabend steigen. Es kamen noch Max (Sohn eines Geigenbauers, mit mir in der Klasse, D), Silvia und Alisa (beide im 2. Jahr, D). Das Pokern steht eigentlich nicht so im Vordergrund, sondern die Geselligkeit. Es war also eine richtig deutsche Runde (ich als Schweizer bin ja neutral). Tut mal genz gut zwischendurch wenigstens deutsch zu sprechen, wenn auch nicht Dialekt. Die Gespräche sind wie immer sehr spannend, aber davon zu berichten würde den Rahmen jetzt sprengen. Jedenfalls kann ich pokern (also ich kenne die Regeln) und hab den Kontakt zur deutschen Sippe etwas gefunden. Ist doch schön oder?

Schönes Wochenende Euch allen!

Samstag, 6. September 2008

005 Eine Woche Schule ist um

Liebe Freunde

Es ist Freitag Abend und somit auch Zeit meinen Blog wieder etwas zu füllen denn schliesslich ist ne Menge passiert in der Zwischenzeit. Fangen wir hinten an. Ich war heute (obschon frei) in der Schule und hab am Griff für eines meiner Messer gearbeitet. Die Schule ist wirklich sehr offen organisiert. Ich geh einfach in ein Schulzimmer rein und nehm mir eine freie Werkbank. Das darf ich auch wenn eine Klasse darin Unterricht hat. Selbst der Lehrer dieser Klasse wird auf mich eingehen wenn ich ein Problem oder Fragen habe. Und sonst sind da auch noch 6 andere Lehrer oder Studenten da, die einem gerne weiterhelfen. Die Atmosphäre ist wirklich einzigartig. Hab ja auch Tech-Luft im 3000 Seelen FH-Dorf in Winterthur geschnuppert und muss schon sagen dass diese beiden Systeme überhaupt nicht zu vergleichen sind.

Am Nachmittag lernte ich einen ehemaligen Schweizer kennen der in England lebt seit ich auf der Welt bin. Ein Berner. Aber er wollte aus Prinzip kein Wort schweizerdeutsch mit mir reden. Keine Ahnung was ihn hierher verschlagen hat. Er meinte er könne sich auch nicht mehr sinnvoll ausdrücken. Verstehen tue er allerdings noch recht gut. Man merkt ihm den Akzent auch irgendwie an. Ich gebe mir Mühe so akzentfrei wie möglcih zu sprechen und zwar englisch, deutsch und auch französisch (eine echte Herausforderung)!

Vorgestern war ich auf dem Auktionsmarkt gleich hinter dem Castel auf der anderen Seiter der Trent (hiesiger Fluss). Da geht es zu und her wie auf einem Viehmarkt (stell ich mir jedenfalls so vor). Es herrscht ein reges Treiben und Jedermann brint den letzten "Plunder" her, den ich persönlich als absolut unverkäuflich weil unbrauchbar einstufen würde. Aber falsch gedacht. Auf diesem Markt wird einfach alles irgendwie verkauft. Das System zu beobachen macht richtig Spass. Ich war ja eigentlich wegen eines Farrads da und wurde auch fündig. Da war eine dichte Menschenmenge um einen Haufen aufeinandergestapelte Fahrräder oder Teile davon. Dann waren da zwei Männer, der eine war der "Auktionist" (er schrie die Preise in die Umgebung hinaus und wenn man ihm zublinzelte oder ihn am Ärmel zupfte, dann war man mit einem Pfund mehr wieder im Rennen) und der Andere war der "Hochhalter" (Fahrrad so hoch halten dass es alle sehen können). Zuerst musste ich mich mal nach vorne kämpfen bis ich die guten Stücke überhaupt zu Gesicht bekam. Dann hab ich angefangen mitzubieten. Das war so lustig. Die einen nehmen das total ernst und verstecken sich unter ihrem Baseball-Cap damit der Nachbar nicht sieht ob er gerade mitgeboten hat oder nicht. Da war auch ein Rennvelo. Der Auktionist beginnt immer mit 5 Pfund. Wenn niemand einsteigt geht er runter auf 4, dann 3. Spätestens jetzt hält es einer nicht mehr aus und die ganze Truppe folgt ihm. In wenigen Sekunden sind wir auf 10, 12 Pfund. Dann wirds langsamer (die Sache mit dem Eintreffen des Zahltags, sprich anfang Monat oder ende Monat, spielt hier allgemein ne riesen Rolle). Der Renner hat mir echt gut gefallen. Ich bot also mit. Ein Herr um die 40 auf der anderen Seite auch. Wir haben uns gegenseitig hochgeschaukelt. Es war so spannend, echt! Bei 20 bin ich ausgestiegen und er hats dann bekommen. Trotzdem muss man sich vorstellen, dass 20 Pfund gerade mal etwas mehr als 40 Franken sind, also eigentlich Nichts für ein intaktes Rad.

- Es gibt hier im Gegensatz zu der Schweiz merkwürdige Unterschiede, z.B. Luft an der Tankstelle kostet hier etwas oder fast alle Artikel im Laden sind irgendwie heruntergesetzt oder es gibt massenhaft "special offers" im Sinn von :kaufe eines und nimm noch ein zweites gratis! Die Milch ist scheusslich. Ich Kaufe nur noch BIO (das heisst hier übrigens "organic"). Die hat dann sogar noch eine schöne Rahmschicht oben auf. -

Jetzt bin ich aber abgeschweift. Ich wollte ja ein Fahhrrad kaufen. Dann hab ich eines gesehen ausserhalb dieser Auktion bei einem Händler. Aber bevor ich das kaufen konnte brauchte ich ein Schloss, denn wenn ich mit dem Fahhrad zu einem Laden fahren würde um ein Schloss zu kaufen wär ich nachher ohne Fahrrad aber mit Schloss unterwegs. Mein Lehrer hat mir erzählt, dass man hier besser immer beide Räder auch mit dem Rahmen um eine Stassenlampe binde. Sogar dann sei ihm mal der Sattel geklaut worden (!). Ich hab jetzt also ein Hübsches Bike für £35 gekauft und bin sehr zufrieden!

Hier meine ersten Arbeiten:
  • eine Schablone einer Strad aus der goldenen Periode
  • Mein Werkbank für diese Woche (Mann bekommt jede Woche einen neuen Arbeitsplatz zugewiesen. Das hat mehrere Gründe. Zwei davon sind sicher, dass man einerseits alle Mitschüler etwas kennenlernt aber sich andererseits auch an die unterschiedlichen Lichtverhältnisse gewöhnen lernt)
  • Eines der Schulzimmer
  • und ein Griff für eines meiner Messer

Dienstag, 2. September 2008

004 Ich leb mich langsam ein

In dieser WG geb ich in Sachen Sauberkeit ziemlich den Ton an. Zumindest was die "public areas" angeht. Dafür putze ich auch alles. Aber seit ich mit Timo zusammen gelebt habe (es war eine wundervolle Zeit) weiss ich wie wichtig eine saubere Küche ist. Nicht dass mir dies Mutter nicht auch beigebracht hätte, aber wenn man's von einem Freund nochmal so richtig eingetrichtert bekommt... das sitzt dann schon tiefer. Jedenfalls hab ich kumuliert sicher schon einen ganzen Tag in dieser Küche mit putzen verbracht. Es ist doch so, wir sind fünf Leute und jeder hat sein Zeug. Drei davon sind ganz still und scheu und einer macht sich einfach breit. Jetzt fehlt nur noch der Revoluzer Bole, der alles über den Haufen wirft. Ja, ich werfe Strukturen um und bringe neuen Wind in die Bude aber ich bin sicher dass schlussendlich alle damit zufrieden sind.

Da wir heute frei haben um noch eine ganz Liste an Dingen zu organisieren, hab ich etwas ausgeschlafen. Danach ging ich in die Stadt. Mir fehlte noch ein Ordner, ein Pinsel, ein Stück Seife, eine Schürze, ein Minenbleistift (auf englisch: mechanischer Bleistift) und ein Stück Kunststoff um eine kleine Geigenschablone für Anschauungszwecke nachzubilden. Beim Einkaufen traf ich Lucy. Sie ist Französin und auch in meiner Klasse. Sie hat sowas wie Innenarchitektur studiert und zuletzt Prototypen für eine Möbelfirma in Paris hergestellt. Wir haben uns bei einem Blätterteig-mit-Gemüse-was-auch-immer am Rande des Marktplatzes darüber unterhalten, wie es dazu kam, einfach alles hinzuschmeissen und sich etwas ganz Neuem zu widmen. Dabei ging es auch um die Angst vor dem Schritt aus einer klar strukturierten Lebenssituation heraus einfach wegzugehen und neu zu beginnen. An einem Ort, den man nicht kennt, mit Leuten aus anderen Kulturen (nicht zu unterschätzender Punkt), wo man eine andere Sprache spricht, andere Gewohnheiten pflegt. Eigentlich ein Sprung ins kalte Wasser ( à-pro-pos: wir haben einen Surfer in der Klasse, der jeweils oben in Schottland surft!!).

Anschliessend haben wir die Neuankömmlinge des Foundation-Cours (die ganz Neuen) etwas begutachtet. Das ist scheinbar immer DIE Attraktion. Ausser einem Briten sind alles Franzosen in dieser einen Klasse. Hätte nicht gedacht, dass ich jemals nach England gehen würde um französisch zu lernen. Man hat mir gesagt dass es nur von Vorteil sei an dieser Schule das Französisch etwas zu kennen. Die Gründe dafür sind mir längst klar.

Ständig sehe ich merkwürdige Dinge auf der Strasse passieren. Vorhin parkierte eine ältere Dame ihren Wagen am Strassenrand, stieg aus, verriegelte die Türen. Dann ging sie zum Vorderrad, nahm kräftig Anlauf und "ginggte" mit voller Wucht zweimal gegen die Radkappe. Dann fluchte sie noch irgend etwas und verschwand im Laden.

Am Nachmittag wollte ich dann mal das iBook in der guten Stube aufladen. Ich bemerkte dass die Steckdose stromlos war. Ganz selbstverständlich ging ich also zum Sicherungskasten (eigentlich eine vertikal montierte Blechschiene, die geschickt hinter einem Stück Holz direkt im Eingangsbereich verborgen ist) und legte den einzigen Hebel um, der auf OFF war. Da fängt es doch aus dem Wohnzimmer an zu bräseln und will gar nicht aufhören. Ich nichts wie hin zur Dose. Diese knistert seelenrugig wie ein britischer Teekocher vor sich hin. Und kein Automat der auslöst, merkwürdig. Ich bediente mich danach gleich dem Essbesteck meiner mitbewohner (meins ist ja neu, dass darf nicht bereits jetzt missbraucht werden) und öffnete die Dose um nach den Kontaktstellen zu sehen. Das Problem war rasch behoben, allerdings begann es bald zu regnen und da tropfte es doch tatsächlich den Kabelkanal entlang in die Dose runter. Ein elektrisierendes Argument , das Notebook doch im Zimmer oben aufzuladen...

Wünsche einen angenehmen Abend! Auf bald...

Montag, 1. September 2008

003 Heute gehts also los

Hier in meinem Viertel wird immer montags der Müll abgeholt. Es gibt einen grauen Container (Papier, Blech, Plastik) und einen grünen (Abfall, Kompost, etc..). Beide sind momentan randvoll. Diese Container werden alternierend geleert. Heute wäre der Graue dran gewesen. Man hat mir gesagt, dass die Abfuhr immer ganz früh komme. Als ich mir also so gegen 9AM meinen Kaffee machte, sah ichganz entrüstet, dass niemand den Container rausgestellt hatte. Jedenfalls bemerkte ich später im Zimmer oben, dass da ein Lastwagen mit Männergeschrei die Strasse entlang fuhr. Ich schaute kurz aus dem Fenster und sah die Müllabfuhr. Also nichts wie runter, in den kleinen Hinterhof, den Container schnappen und.... nein, wieso ist da dieses Tor verschlossen? Ein riesiges Bügelschloss glänzte mir entgegen, dass seiner Dimension nach ein Törchen wie dieses gar nicht schmücken dürfte. Ein starker Fusstritt würde reichen um die ganze Mauer einzutreten. Wie dem auch sei, ich rannte in die Küche und suchte einen Schlüsel (im Hintergrund die Stimmen der rufenden Männer immer leiser werdend) aber da ein Schlüssel, rannte raus, passt nicht, wieder rein, einen Zweiten gefunden, dieser passt. Die Stimmen waren kaum noch zu hören... Ich entriegelte das Hochsicherheits-Mülldepot-Törchen und stürmte auf die Strasse (also das wollte ich) aber da hat ein Auto quer vor den Ausgang parkiert. Die Müllabfuhr setzte am Ende der Strasse bereits zur Kurve an als ein hilfsbereiter Brite meinen kläglichen Versuch den Müllwagen noch zu erwischen sah und dem Chauffeur freundlicherweise ein Zeichen gab. Ich umschiffte also vorsichtig das geparkte Auto und rannte mit samt dem Müllcontainer und einem überglücklichen Gesichtsausdruck dem stinkenden Vehikel entgegen. Meine Müllevakuierung nahm also ein glückliches Ende... alte Schweed!

Tja um zwei Uhr betrat ich zusammen mit 13 anderen Studenten aus England, Frankreich, Schottland, Deutschand und Japan das Unterrichtszimmer. Drei erwartungsvolle Herren schauten uns etwas ungläubig an. Es sah fast so aus als wollten sie uns fragen ob wir denn sicher seinen hier mitzumachen. Jedenfalls erhielten wir eine etwas spezielle (ich möchte sagen britische) Einführung über den Verlauf der bevorstehenden Jahre. So wie es klang, ist für die Lehrer der schlimmste Part immer das Administrative. Anscheinend wechselt das Schulsystem öfter als die Lehrer und das scheint zuweilen recht mühsam zu sein. Wir haben dann noch so ein "Kennenlern-Ründchen" veranstaltet. Das finde ich immer höchst spannend. Ist doch immer allen voll peinlich und die "Ausländer" (bin ja jetzt auch einer) sprechen so lustig... Unser Japaner hat wohl noch etwas Schwierigkeiten mit sprechen und verstehen. Schreiben kann er eigentlich ganz gut. Die Franzosen dominieren anzahlmässig in unserer Klasse. Wir haben zwei richtig alte Studenten, beides Briten. Die Eine hat einen 27-jährigen Sohn, der Andere könnte ihr Vater sein =) bin also sehr gespannt auf den interkulturellen Austausch. Es scheint dass ich der erste Schweizer bin, der überhaupt an der Schule studiert. Auch die Sache mit den Bilateralen Verträgen haben die noch nicht richtig verstanden. Wenn ich Glück habe, dann kann ich sogar gratis studieren. Muss anscheinend noch vor einen Ausschuss treten und vorsprechen. Unser Lehrer, Robert Cain, wird uns jetzt 3 Jahre lang begleiten. Es gibt 7 Klassen und somit 7 Lehrer an der Schule. Die allgemeine Stimmung scheint sehr entspannt und freundlich zu sein. In meiner Klasse hat nur der eine Schotte einen technischen Hintergrund. Die Anderen sind alle Kunststudenten oder haben was mit Musik oder Literatur am Hut. Bin so gespannt auf die Gespräche und die unterschiedlichen Ansichten.
Nach dem Ausfüllen des extrem verwirrenden "Student Entry Form" wurden wir mit Donut und Apfelsaft entlassen. Die Briten halten nicht viel von ihrem Government (Regierung). Soviel steht fest.
Übrigens: ich war kurz einkaufen bei Mirrisons (Supermarktkett im UK). Hab nach Leber gesucht, weil billig. Da Stand auf der Packung: OX LIVER. Hab einen Angestellten gefragt was denn "OX" bedeute. Er meinte das sei sowas wie ne Kuh, aber er war sich nicht sicher. Hat also noch einen gefragt und das hat noch ein Kunde mitbekommen und schlussendlich war da ne richtige öffentliche Diskussion über diese Kuh oder nicht Kuh. Jedenfalls haben sich dann alle darauf geeinigt dass es sich hierbei um einen Stier handelt, der nicht mehr zeugungsfähig ist (samt Illustration natürlich). Zu deutsch: ein Ochse. Da hätte ich auch selbst drauf kommen können oder?
Es grüsst freundlich aus dem verregneten England...
Eueg Gabriel