Samstag, 13. Februar 2010

047 Die Geschichte eines Freundes

Liebe Freunde

Der folgende Abschnitt ist nichts für schwache Nerven dafür um so näher am Leben. Er handelt von meinem Mitbewohner Johnny, der etwas kleiner ist als ich, kal rasiert, sehr kräftig und reich geschmückt mit Tätowierungen. Die meisten Leute wären anhand seiner Erscheinung wohl voreingenommen. Zum folgenden Abschnitt gehört diese Musik gespielt, aufgenommen und auf youtube gepostet von meinem anderen Mitbewohner Salvatore.





Seit über 11 Monate wohnen Salvatore und ich nun mit Johnny zusammen, aber heute Abend ist etwas sehr Berührendes passiert. Irgendwie sind wir alle im Wohnzimmer zusammen gekommen und haben uns ein wenig vom Tag erzählt. Salva und ich im Trainer, Johnny im roten Morgenrock. Er war gerade einige Stunden im Pub und hat das Rugby-Spiel "Schottland gegen Wales" live mitverfolgt. Johnny hat früher selber sehr aktiv Rugby gespielt und da er Waliser ist, musste er natürlich mit samt der dazugehörenden roten Tracht dem Spiel beiwohnen. Der rote Morgenrock war wohl der entspannende Höhepunkt nach dem grandiosen Sieg über die Schotten. Nach einigem Hin und Her wurden wir etwas still. Salva setzt sich ans Klavier und fängt an das Lied "The Lonely Man" zu spielen (siehe oben). Ich hab mir grade noch eine Hand voll Popkorn aus der Pfanne gegrabscht, die Salvatore frisch aufgesetzt hatte, als ich plötzlich merke, wie eine tiefe Trauer über Johnny kommt. Nun, er ist nicht gerade der Typ, der sich Gefühle leicht anmerken lässt, geschweige denn zeigt, aber dieses Lied muss ihn irgendwie berührt haben. Ohne etwas zu sagen bin ich aufgestanden, über die Bankreihe um den Tisch gegangen und hab mich bei Johnny hingesetzt und ihn ein wenig umarmt. Ich realisiere dass er weint. Salva hat friedlich weitergespielt und bis zum Ende des Liedes eigentlich gar nicht realisiert was passiert war. Etwas verstört hat er sich dann zu uns hingesetzt und meinte sinngemäss etwas wie:"Hey, Wales hat doch gewonnen...?!". Salva sind derartige Umstände eher unangenehm und deswegen überzeugten wir ihn, das Lied nochmals zu spielen. Nach etwa dem dritten Durchgang öffnete sich Johnny plötzlich und erzählte:

"Seit ich vier Jahre alt bin, hab ich vom Vater regelmässig Schläge bekommen, fünf Mal die Woche. An den Wochenenden gabs ne extra Portion. Ich habe jetzt noch Narben davon an den Beinen. In der Schule hab ich bei Auseinandersetzungen immer alles eingesteckt und mich nie gewehrt. Die Haue der Mitschüler waren sowieso nichts gegenüber der Prügel meines Vaters. Und wenn ich mich in der Schule gewehrt hätte und dies die Schulleitung mitbekommen hätte, wäre es zu Hause nur noch schlimmer geworden. Als ich sieben Jahre alt war, steckten sie mich in ein Heim (Social-Care). Mit 14 Jahren durfte ich wieder nach Hause. Mein Vater war damals arbeitslos und ich habe gearbeitet so viel ich nur konnte. Ich habe Post ausgertragen, Abends in den Pubs die Flaschen eingesammelt und entsorgt, mit dem Eis-Mobil herumgezogen. Regelmässig brachte ich £6 am Tag nach Hause, während mein Vater nur £3 Arbeitslosengeld erhielt. Dies sorgte wiederum für viele Konflikte. Und wieder gab es Prügel. Aber diesmal habe ich gewonnen. Ich habe meinen Vater zu Boden geschlagen, zum ersten Mal. Danach ging ich zur Schule. Ein Mitschüler rempelte mich an und zum ersten Mal wehrte ich mich auch da. Ich schlug ihn Spitalreif. Die Behörden sagten ich sei krank und steckten mich wieder in ein Heim, dabei ging ich so gerne zur Schule. Ich war gut in Mathe und Englisch.
- Als ich 4 oder 5 Jahre alt war, und mich Mutter auch nach langer Suche nicht finden konnte, wusste sie, dass ich in der Schule war. -
Sie brachten mich zusammen mit kriminellen und Straftätern. Eines Nachts wachte ich auf und hörte ein Tropfen. Ich stieg aus meinem Bett, rutschte aus und fiel zu Boden. Ich versuchte aufzustehen, aber es war alles so glitschig. Plötzlich begriff ich, dass ich in Blut badete. Mein Bettnachbar hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten. Voller Panik rannte ich zum Vorsteher und klopfte an seine Tür. Als der mich blutüberströmt sah, steckte er mich sogleich in eine Zelle. Die glaubten ich hätte ihn umgebracht. Zwölf Stunden war ich alleine in dieser Zelle, mein überströmt mit dem Blut meines Bettnachbars, der kurz zuvor seine beiden Eltern umgebracht hatte. Endlich hat jemand festgestellt, dass es Selbstmord war und ich konnte duschen gehen. Kurz darauf ist meine Grossmutter gestorben. Und wenn ich dieses Lied höre (Klavier) dann kommen mir all diese Ereignisse immer wieder hoch, bitte entschuldigt Jungs..."

Dies alles erzählte er stockend, zum Teil unter Tränen und fügte hinzu:

"In meiner ganzen Schulzeit habe ich 16 Mal die Schule gewechselt. Nie hatte es mit meinen schulischen Leistungen zu tun gehabt, nie mit der Disziplin, aber mein Verhalten...
Als mein Vater starb, besuchte ich vor der Beerdigung den Sarg und verweilte da zwei Stunden. Mir kam es vor wie zehn Minuten. Ich muss wohl hunderte von Wieso- und Warum-Fragen gestellt haben..."

Weiter sagte er, dass laut Statistik rund ein Drittel der Jugendlichen, die in einem dieser Heime gross geworden sind, im Gefängnis sitzen, ein weiterer Drittel ist in der Armee. Der letzte Drittel begeht Selbstmord. Nur etwa 3% schaffen den Weg zurück in den "normalen" Alltag.

Liebe Freunde, mich hat diese Geschichte sehr bewegt. Ich bin sicher, dass Johnny dies vielen seiner besten Freunde nie erzählt hat und fühle mich geehrt, einer der wenigen Zeugen dieser Ereignisse zu sein, auch wenn sie mir doch tief im Herzen Schmerz bereiten.
Ich bin sehr froh, dass Johnny sich geöffnet hat.

Ich wünsche euch einen bedächtigen Abend.
Euer Gabriel