Liebe Freunde
Vor einigen Tagen bin ich wieder im Vereinigten Königreich gelandet. Nass, kalt, grau. Britischer Frühwinter eben. Eigentlich sind wir seit ich in England bin von solchem Wetter mehrheitlich verschont geblieben. Aber meine Freunde hier haben mich schon vor dem Winter gewarnt. Heute morgen scheint jetzt zum ersten mal die Sonne in dieser Woche. Ein herrliches Geschenk.
In den vergengenen Tagen hab ich wieder vieles erlebt. Einges davon möchte ich Euch berichten.
Bereits am Flughafen in Friedrichshafen sind mir wieder die unglaublichsten Dinge passiert. Aber ich beginne am Anfang. Am Sonntagabend hab ich bei Timo in St.Gallen eine günstige Fährenverbindung von Romanshorn nach Friedrichshaven herausgesucht. Da ich wohl bereits etwas müde war hab ich mich für eine viel zu frühe Verbindung entschieden. Jedenfalls hab ich mir diese Zeit gemerkt und begab mich dann am späteren Nachmittag via Zug mit samt meinem Gepäck (Rucksack, Koffer, Instrumente) nach Romanshorn. Dort angekommen suchte ich erst mal die Post auf, wo ich mit meinem ganzen Karsumpel kaum zur Tür hinein passte. Ich brauchte eigentlich nur eine B-Post Marke und bin da ein paar Minuten angestanden. Danach schlenderte ich gemütlich zum Bahnschalter um ein Ticket nach Friedrichshaven zu lösen. Ganz beiläufig fragte ich dann noch nach der Abfahrtszeit. Er meinte nur:"jo dä händsi etzt grapfeapasst, dä wöa i zwei Minuute fahre, abo de nögscht goht jo innere Stund..". Nein, das schaffe ich noch, schnappte mein Gepäck, rannte aus dem Wartesaal (zum Glück gehen diese Türen so langsam auf), dem Perron entlang, um die Plakattafeln herum, die Treppe herunter, unter der Unterführung durch, die Steigung hoch und.... sah gerade wie das gute Schifflein volle Kraft voraus davonzwitschert. Der Puls war hoch, die Temperatur auch. "Nein", dachte ich, hoffentlich bleibt genug Zeit zum Einchecken. Also hockte ich mich auf diesen unterdachten Holzvorbau zwischen Bahnhof und Fähre und zückte meine Flugbestätigung aus der Tasche. Es war gerade 16:38 als ich auf dem Blatt die Abflugszeit 21:40 lese. Müsste eigentlich auch noch in einer Stunde reichen, da man mit dem Schifflein über den Teich nur etwas mehr als 40 Minuten braucht. Und ich frage mich warum ich es eigentlich so eilig habe. Ausser Atem liess ich die Woche Revue passieren. Eine strenge Woche vollgepackt mit Aktivitäten. In England hab ich es wesentlich ruhiger. Liegt es an mir oder am Puls der Gesellschaft? Ich nahm meinen iPod-Piko hervor (kleiner als der Nano) und berlieselte mich mit Mozarts Zauberflöte. Als mir kalt wurde, setzte ich mich ins Wartehäuschen. Die Stunde war schnell um. Die Fähre kam und der legendäre Abschied von der Schweiz aus dem Oberdeck stand mir bevor, ebenso wie die obligate heisse Schokolade auf der Überfahrt. Die war nicht sehr spannend. Hafeneinfahrt, Anlegen, Passkontrolle, mit der Bahn in die Stadt hinein, Umsteigen auf den Zug nach Flughafen Richtung Ulm.
Ich stand da also am Perron und wartete auf den Zug. Neben mir stand ein Mann mitte 30, blonde, kurze Haare, Brille mit einer Tasche und der Jacke über dem Arm. Auf der Anzeigetafel stand "Flughafen, Ulm". Ich war plötzlich verunsichert ob dieser Zug jetzt zum Flughafen Friedrichshafen oder zum Flughafen Ulm oder beides nacheinander fährt. Vielleicht hattet Ihr das auch schon, dass man im letzten Moment (z.B. vor dem Besteigen eines Zuges) sich ganz komische Gedankengänge macht und dann oft sogar Fehlentscheidungen trifft. Jedenfalls geh ich zu dem Mann hin und frage ihn ob dieser Zug am Flughafen Friedrichdafen hält. Der guckt mich nur komisch an, verdreht die Augen, kniet vor mich hin (mehr ein Absacken) und "küsst die Matte". Ich realisierte dass dieser Mann kurzzeitig das Bewusstsein verlohren hatte. Sofort richtete ich Ihn auf, tätschelte ihm auf die Wange, sprach ihn laut an (das wollte ich schon immer mal, aber....wenns dann soweit ist...naja). Eine Frau mitte 40 kam dazu (die anderen Leute waren total anteilnahmslos, krass irgendwie). Ich wollte ihn gerade in die Seitenlage bringen, da kam er wieder zu sich. Ich hab dann vorsichtshalber meinen Mundgeruch gecheckt, aber der war ok. Er meinte dann, er habe das oft. Ihm werde plötzlich schlecht und dann passierts. Er hatte nicht mal einen Kratzer am Kopf obwohl er voll darauf zur Seite fiel (und dieser dumpfe Klang). Ich meinte nur dass er sich das nächste Mal kein schmales Perron aussuchen soll, wo gerade eine Zugseinfaht erwartet wird, wir lachten beide.
Am Flughafen angekommen steuerte ich gleich einen unbesetzten Check-In an und begann mein Gepäck umzupacken. Die haben alle eine präzise Waage und da meine Fluggesellschaft horrende Preise für Übergepäck verlangt, dachte ich diesmal das Ganze zu meinen Gunsten ausfallen zu lassen. Die Leute auf den Sesseln musterten mich ungläubig aber ich habe damit ja keine Probleme. Wenn man etwas unübliches tut, muss man es nur mit der nötigen Überzeugung tun und niemand wird intervenieren. Als ich fertig "gepackt" hatte sah ich wie mir ein netter Herr um die 50 zuschmunzelte. Er war wohl der einzige der verstand was ich da machte. Ich schmunzelte zurück.
Mein Check-In öffnete 1h später. Das Personal an kleinen Flughäfen ist oft viel entspannter als an grossen, verkehrstechnisch wichtigen Zweigstellen. Bei der Gepäckskontrolle hat auch niemand reklamiert, obwohl ich zwei Instrument in nur einem bezahlten Koffer transportiere. Hab sogar in den Bildschirm schauen dürfen und die Instrumente von innen gesehen. Im Duty-Free hab ich mich mit Schokolade eingedekt und mich im Warteraum auf einen längeren, womöglich langweiligen Aufenthalt eingerichtet.
2.Teil folgt morgen....
Mit lieben Grüssen
Gabriel