Dienstag, 27. Januar 2009

029 Ich kaufe Werkzeug

Liebe Freunde

Ich absolviere gerade meine neunzehnte Ausbildungswoche hier in Newark. Das bedeutet, dass ich bereits mehr als die Hälfte aller Lektionen des ersten Jahres hier am College hinter mir habe. Unglaublich! Oder wie ein Engländer vielleicht treffender sagen würde "oh my gosh that's kind of scary isn't it".

Hab diese letzte Woche ein fettes Paket aus meiner Heimat erhalten. Darin befanden sich nebst einigen Kleidungsstücken auch noch eine halbe Speckseite, einer Engadiner Nusstorte und der Zukünftige Boden meiner zukünftigen Bratsche! Also der Reihe nach:
  • Die Speckseite hab ich mir zwischen Weihnachten und Neujahr im luzernischen Beromünster beim Besuch meines Patenonkels in der dortigen Metzgerei unter den Nagel gerissen. Ein Prachtsstück! Ihr müsst wissen, dass es hier sowas wie Trockenfleisch überhaupt nicht gibt. Wenn man Glück hat, dann findet man im Supermarkt ein Gestell das mit "Spezialitäten vom Kontinent" angeschrieben ist, relativ abseits steht und in dem es ausser unterdimensionierten Salamis zu überdimensionierten Preisen nichts zu finden gibt. Ganz lange hab ich das gar nicht gemerkt. Ich finde es sehr interessant wie Angebotsgesteuert der heutige Durchschnittsmensch funktioniert (zu diesem zähle ich mich normalerweise nicht). Fatalerweise stelle ich fest, wie ich ohne Plan Nahrung besorge. Mir ist das Wissen um meine Bedürfnisse abhanden gekommen oder ich habe es gar nie richtig gebildet. "Der Kühlschrank ist leer, also gehen wir einkaufen..." anstelle von "hab ich heute schon Vitaminen zu mir genommen?" oder noch besser "ich habe das Bedürfnis auf eine Frucht!". Es mag Euch jetzt vielleicht langweilen, aber ich habe am Beispiel des Trockenfleisches gemerkt, dass ich viel bewusster einkaufen möchte. Ich möchte nicht einfach nur konsumieren was mir angeboten wird sondern konkret suchen was mir gut tut.
  • Die Engadiner Nusstorte stammt aus DER Konditorei im Engadin, genauer als Scuol und ist mit Honig aus des Konditors eigener Imkerei versehen. Meine Grossmutter pflegte solche Nusstorten so jedes zweite Jahr zu backen. Der Aufwand muss einfach riesig sein. Aber die Liebe die einem entgegenströmt bei einem Biss in dieses unschuldige Törtchen...ach...
  • Schon bald möchte ich mit dem Bau meiner ersten Bratsche beginnen. Dies allerdings in meiner Freizeit. In der Schule wäre dies erst im dritten Jahr vorgesehen aber schliesslich möchte ich viele Erfahrungen sammeln. Für eine Bratsche (wie für jedes andere Streichinstrument auch) braucht man zuerst mal ja etwas Holz. Streichinstrumente sind in der Regel aus Fichte und Ahorn gebaut, wobei man gerade bei Cellis (Mehrzahl von "das Cello") selten auch Pappel für den Boden verwendet. Da das Holz ja der Resonanzkörper (der Lautsprecher sozusagen) des Instrumentes ist, wird es nach ganz bestimmten Kriterien ausgesucht. Mein Holz beziehe ich aus einer streng geheimen Spezialquelle, die ich hier auf keinen Fall preisgeben darf.
Die letzten Tage hab ich mich intensiv mit der Frage meiner Werkzeuge auseinander gesetzt. Im Hinblich auf den tiefen Euro und das tiefe Pfund, erscheint es mir gerade recht günstig einige Anschaffungen zu tätigen. Ihr glaubt ja nicht was man als Geigenbauer alles braucht! Und nächstes Jahr kommt dann das ganze Thema des Restaurierens noch dazu, sprich Pinsel, Pigmente, Spezialzwingen (versuche möglichst viele selber zu machen), Mesgeräte... Aber gutes Werkzeug ist ja für ein ganzes Leben gedacht und wer weiss, vielleicht wird meine Tochter oder mein Sohn ja auch mal Geigenbauer? Habe vor 3 Monaten ein 130-jähriges Stockeisen auf dem Markt gefunden. Ein Glücksfall! Hab £15 dafür gezahlt. Der Stahl ist vom Feinsten. Solche Treffer landet man allerdings eher selten da die Dichte des Zielpublikums derartiger Dinge hier recht hoch ist. Darum kommt man um den Neukauf vieler Werkzeuge gar nicht erst herum. Besonders freue ich mich auf den bestellten Flachwinkel-Bankhobel. Er wird mein erster grosser Qualitätshobel sein und wird in Kanada hergestellt Bild.

Seit anfangs Jahr arbeite ich immer an den Wochenenden bei einer Firma in Peterborough. Diese Firma wurde vor über 10 Jahren von der in Uzwil ansässigen Bühlergroup aufgekauft, bei der ich viele Jahre gearbeitet habe. Da ein Studium ja immer auch mit Auslagen verbunden ist, kam mir die Idee, mich bei dieser Firma um eine Stelle zu bemühen. Dank einiger gut gepflegter Kanäle aus der Zeit des Kalten Kriegs ist es mir gelungen an den Mittelsmann heranzukommen, mit anderen Worten: Ich kenne Jemanden der Jemanden kennt, der der Chef ist von Demjenigen, der entscheidet ob es mich überhaupt brauchen könnte (er hat übrigens gemeint, es brauche mich!). Seit anfangs Januar fahre ich also jedes Wochenende nach Peterborough um bei der dortigen CDD Steuerungen zu bauen. Das Auffrischen der einst erworbenen Fähigkeiten macht mir recht Spass und ist ein guter Ausgleich zum Geigenbauen. Allerdings geht die Wirtschaftskriese wohl an niemandem Spurlos vorüber und so werde ich ab Mitte Februar an den Wochenenden wieder Ausschlafen können. Aber wer weiss, vielleicht später einmal wieder? Ich bin jedenfalls froh, dass ich nicht mehr im Hotel als Nachtportier arbeiten muss.

So meine Lieben, das nächste Mal schicke ich Euch wieder ein paar Bilder mit. Wovon? Lasst Euch überraschen...

bis dann
Euer Gabriel

Sonntag, 18. Januar 2009

028 Ein Neues Jahr beginnt

Liebe Freunde

Seit über einer Woche bin ich jetzt bereits wieder auf britischem Boden. Weihnachten und Neujahr hab ich in der Schweiz mit Familie und Freunden verbracht. Wir haben wieder mal so richtig Weihnachten gefeiert mit Weihnachtsliedern, Geschenke verteilen, sogar Musik haben wir gemacht. Das war sehr schön.

Auf meinem Rückflug hab ich natürlich wieder allerlei erlebt (wie jedes Mal). Diesmal hats eigentlich schon vorher angefangen und zwar hab ich am Vorabend vor meinem Rückflug meine Brieftasche nicht mehr gefunden. Alter Schalter, das war nicht so angenehm. Vor allem musste ich den 0600 Zug erwischen, wenn ich meinen Flieger rechtzeitig erreichen wollte. Das Fundbüro der Stadtpolizei nimmt aber leider erst um halb acht die Telefone entgegen. Also versuchte ich verzweifelt nachzuvollziehen wo ich denn meine Brieftsche das letze mal benutzt oder gesehen habe. Daraufhin wurde natürlich die grosse Suchaktion gestartet. Unglaublich was man alles in Bewegung setzt um seine Brieftasche wieder zu finden, als wäre sie ein Teil von einem. Die letzte Option die noch übrig blieb als sich bereits alle Hebel zur globalen Suche als nichtig erwiesen hatten war dieses Mietauto.

- Kennt Ihr alle Mobility? Eine recht sinnvolle Erfindung die einerseits das Zugfahren voll unterstützt und andereseits lokale Mobilitär total gewährleistet. Es handelt sich hierbei um diese roten Autos, die habt ihr sicher auch schon mal irgendwo gesehen. In der Schweiz gibts sogar überall spezielle Parkplätze dafür. Die meisten Bahnhöfe sind mit ein zwei Modellen ausgerüstet. -

Jedenfalls war ich am Nachmitag mit einer guten Freundin in eben so einem Mobility Auto unterwegs um Einkäufe zu machen. Natürlich bin ich gefahren, obschon dieser Mobility Vertrag auf ihren Namen läuft. Da ich während dem fahren nicht gerne auf der Brieftasche sitze, verstaue ich sie immer irgendwo in der Mittelkonsole. Ich hatte sie am Nachmittag noch benutzt und mochte mich schwach an diese Mittelkonsole erinnern... Aber vergessen tu ich das ja jeweils doch nicht, oder? Wir waren unsicher und so versuchten wir herauszufinden wer wohl nach uns noch dieses Auto gefahren ist. Uns wurde die Auskunft erteilt, der Velokurier habe das Auto danach noch gefahren. Toll, der VELO-Kurier. Angenommen jemand entscheidet sich aus ökologischen Gründen für den Velokurier und der kommt dann mit dem Auto, hallo? Ja lassen wir das. Jedenfalls war der Kurier auch nicht vor acht Uhr zu erreichen und so blieb mir nur das Warten und die Hoffnung dass die Brieftasche wieder zum Vorschein kommen möge. Dass ich den Flug nicht mehr gebrauchen kann tat mir etwas weh. Hab mir dann vorsichtshalber schon mal Alternativflüge aus dem Internet gesucht.

Am anderen Morgen nach acht Uhr kam dann das Telefon, der Kurier habe meine Brieftasche gefunden. Welche Entlastung! Ironischer weise waren die beiden Orte (Ort wo ich gemerkt habe dass mir die Brieftasche fehlt und der Wohnort des Kuriers) nur 50m von einander entfernt!! Die Lösung wäre so einfach gewesen und trotzdem hat die Begebenheit im Grunde ihre Kreise bis nach England gezogen. Wieso passieren wohl solche Dinge?

Am darauf folgenden Tag hatte ich dann um die gleiche Zeit wieder einen Flug gebucht. 0600 auf den Zug, Fähre nicht verpasst, bei eisiger Kälte frierend auf den Zug gewartet der mich hoffentlich zum Flughafen fährt. Da gleich mal selber bei einem leeren Check-in die Waage für PGGO missbraucht (die Abkürzung hab ich soeben erfunden und bedeutet PersönlicheGepächsGewichtsOptimierung). Trotz PGGO musste ich mit etwa 2,5kg Übergewicht rechnen. Als dann der Check-in offiziell öffnete, war ich einer der Ersten. Allerdings hat sich da gleich eine ältere Dame ganz unangenehm vorgedrängelt. Das nette Fräulein am Check-in hat die Situation sofort erkannt und die Gute nach hinten verwiesen. Mir war die Situation nicht ganz unangenehm, da ich mit meinen beiden Handgepäckstücken (eines wäre erlaubt) und meiner über gewichtigen Reisetasche auf viel guten Willen angewiesen war. Und siehe da, meine gute Kinderstube hat sich ausgezahlt! Musste weder Übergepäck nachzahlen noch wurde mir das zweite Handgepäck beanstandet. Hab mich selten so glücklich vom Check-in entfernt.

Die Handgepäcks-Durchleuchtung war dann wieder ein anderes Thema. Ich hatte ehrlich gesagt etwas Angst, sie würden die zehn Präzisionsmesswerke, die ich für meine Mitstudenten via MWSt-günstige Schweiz nach England importiere beanstanden. Aber dem war nicht so. Trotzdem kam mein Gepäck die nächsten knapp 40 Minuten nicht von diesem Röntgenapparat weg. Der Grund dafür war mein mir erst gerade angeschafftes Männlichkeitssymbol, mein Zippo. Ein graziöses Qualitätsspielzeug dass einen in der Zeit des Neandertaler zum Status des Ober-Medizinmannes befördert hätte (ich verwechsle wohl einige Dinge). Man stelle sich vor: ich hatte 2 Feuerzeuge dabei, eines mit so einem Halbschweissbrenner ausgerüstet um das Feuer auch in windigen Nächten zu entfachen (ein Biest von einem Feuerzeug) und das Andere war dieses halb ausgetrocknete, eher einer Radierung gleichende Edel-Feuerzeug. Es war soo teuer und dazu noch ein Geschenk! Aber nein, sie hätten Anweisung. Da drin befinde sich flüssiger, nicht abgedichteter Brennstoff. Tja, da guckste, was? A..a....aber....aber ich mach doch gar nichts.....! Nützt nichts. Anweisung von Frau Merkel persönlich (bin gerade am Ausschmücken des Absatzes).

Gesenkten Hauptes übergab ich voller Trauer und Inbrunst dieses Statussymbol der netten Dame. Sie muss wohl meinen Schmerz mitempfunden haben als sie plötzlich sagt: Also wir hätten ja die Möglichkeit dieses Ding innerhalb des Landes zu Verschicken. Die gute Frau! Denn ich kenn ja ganz viele Leute in Deutschland (ah ich muss dazu sagen dass ich immer ab Friedrichhafen fliege). Aber wo wohnen die und was ist deren Adresse? Die Securitys haben mich an den Informationsdienst veriesen. Ich renne also mit meinem Zippo quer durch die kleine Abfertigungshalle zu diesem Desk (beim hinausgehen mit dem Zippo musste ich ja wieder durch diesen Metalldetektor und hatte ein riesen Dilemma wiel ich wusste dass der jetzt gleich vollgas pfeiffen und funkeln wird wie eine Dampflock unter einem Weihnachtsbaum, ein merkwürdiges Dilemma. Aber darüber werfen und auf der anderen Seite wieder auffange war irgendiwe zu auffällig und so hab ich mich für die peinliche Variante entschieden. Wieviele Leute würden sich das wohl überlegen?).

Am Infodesk angekommen hab ich meine Situation erklärt und die gute Frau (ende dreissig, sehr sympatisch) wollte gerne eine Adresse für den Empfänger entgegennehmen. Aber woher denn jetzt eine Adresse nehmen. Am besten rufe ich ein paar leute an die ich kenne um eine Adresse zu ergattern. Aber dazu brauche ich mein Mobiltelefon und das ist....genau, in der Gepäckkontrolle. Etwas hilflos fragte ich ob ich wohl ihren PC für ein paar Recherchen benützen dürfte. Sie willigte ganz selbstlos ein und ich startete Facebook mit der Hofnung im Info-Bereich einiger Freunde aus Deutschland vielleicht irgend eine Adresse herauszubekommen. Doch leider Fehlanzeige. Nach einer temporären Abmeldung renne ich also wieder zurück und frage bei der Kontrolle ganz ausser Atem nach meinem Kistchen, dass dort ganz einsam am Boden stand. Dankend und mit ganz langsamen Bewegungen zückte ich dann mein Natel unter dem Mantel hervor, dankte nickend noch einmal und raste wieder gen Info-Desk. Dort rief ich eine Hand voll Freunden an aber die waren irgendwie alle besetzt. Wenn man nicht mehr weiter weiss muss man Papa fragen. Gedacht getan. Und so war es. Zumindest einen Namen und die Ortschaft konnte er für mich ganz schnell ausfindig machen. Das nette Fräulein am Info-Desk liess mich selbstverständlich grad wieder selbst an ihren PC um auf dem Internet nach der Adresse zu suchen. Irgendwie ganz selbstverständlich, als ob ich dort arbeiten würde, suchte ich im deutschen online-Telefonbuch nach eben diesem Freund der Familie und wurde fündig! Eigentlich kostet dieser Service ja €5 aber das nette Fräulein, was soll ich sagen, wir haben uns eben gut Verstanden. Trotzdem bestand ich darauf, wenigstens für die Marke aufzukommen. Dummerweise war meine Brieftasche, die ich ja sooo gesucht hatte jetzt gerade eben auch in jenem Kistchen bei der Gepäckskontrolle und so blieb mir nichts anderes übrig also noch mal einen Spurt quer durchs Gebäude hinzulegen um die netten Security ein weiteres Mal zu bemühen um die Schulden beim netten Info-Desk Fräulein zu begleichen. Ich hatte schon langsam etwas Bedenken ich würde den Flug nicht mehr erwischen, aber es war genug Zeit. Besonders als es aus den Lautsprechern tönte, dass unsere Maschine in London wegen schlechten Wetterverhältnissen noch nicht einmal gestartet sei, sprich 2h Verspätung. Da ich weit und breit niemanden sah, der aus lauter Langeweile eine Seife auspackte, machte ich ein Nickerchen.

Soweit für heute... ich muss ins Bett...

Wünsche Allen eine guet Woche!

Euer Gabriel