Ich absolviere gerade meine neunzehnte Ausbildungswoche hier in Newark. Das bedeutet, dass ich bereits mehr als die Hälfte aller Lektionen des ersten Jahres hier am College hinter mir habe. Unglaublich! Oder wie ein Engländer vielleicht treffender sagen würde "oh my gosh that's kind of scary isn't it".
Hab diese letzte Woche ein fettes Paket aus meiner Heimat erhalten. Darin befanden sich nebst einigen Kleidungsstücken auch noch eine halbe Speckseite, einer Engadiner Nusstorte und der Zukünftige Boden meiner zukünftigen Bratsche! Also der Reihe nach:
- Die Speckseite hab ich mir zwischen Weihnachten und Neujahr im luzernischen Beromünster beim Besuch meines Patenonkels in der dortigen Metzgerei unter den Nagel gerissen. Ein Prachtsstück! Ihr müsst wissen, dass es hier sowas wie Trockenfleisch überhaupt nicht gibt. Wenn man Glück hat, dann findet man im Supermarkt ein Gestell das mit "Spezialitäten vom Kontinent" angeschrieben ist, relativ abseits steht und in dem es ausser unterdimensionierten Salamis zu überdimensionierten Preisen nichts zu finden gibt. Ganz lange hab ich das gar nicht gemerkt. Ich finde es sehr interessant wie Angebotsgesteuert der heutige Durchschnittsmensch funktioniert (zu diesem zähle ich mich normalerweise nicht). Fatalerweise stelle ich fest, wie ich ohne Plan Nahrung besorge. Mir ist das Wissen um meine Bedürfnisse abhanden gekommen oder ich habe es gar nie richtig gebildet. "Der Kühlschrank ist leer, also gehen wir einkaufen..." anstelle von "hab ich heute schon Vitaminen zu mir genommen?" oder noch besser "ich habe das Bedürfnis auf eine Frucht!". Es mag Euch jetzt vielleicht langweilen, aber ich habe am Beispiel des Trockenfleisches gemerkt, dass ich viel bewusster einkaufen möchte. Ich möchte nicht einfach nur konsumieren was mir angeboten wird sondern konkret suchen was mir gut tut.
- Die Engadiner Nusstorte stammt aus DER Konditorei im Engadin, genauer als Scuol und ist mit Honig aus des Konditors eigener Imkerei versehen. Meine Grossmutter pflegte solche Nusstorten so jedes zweite Jahr zu backen. Der Aufwand muss einfach riesig sein. Aber die Liebe die einem entgegenströmt bei einem Biss in dieses unschuldige Törtchen...ach...
- Schon bald möchte ich mit dem Bau meiner ersten Bratsche beginnen. Dies allerdings in meiner Freizeit. In der Schule wäre dies erst im dritten Jahr vorgesehen aber schliesslich möchte ich viele Erfahrungen sammeln. Für eine Bratsche (wie für jedes andere Streichinstrument auch) braucht man zuerst mal ja etwas Holz. Streichinstrumente sind in der Regel aus Fichte und Ahorn gebaut, wobei man gerade bei Cellis (Mehrzahl von "das Cello") selten auch Pappel für den Boden verwendet. Da das Holz ja der Resonanzkörper (der Lautsprecher sozusagen) des Instrumentes ist, wird es nach ganz bestimmten Kriterien ausgesucht. Mein Holz beziehe ich aus einer streng geheimen Spezialquelle, die ich hier auf keinen Fall preisgeben darf.
Seit anfangs Jahr arbeite ich immer an den Wochenenden bei einer Firma in Peterborough. Diese Firma wurde vor über 10 Jahren von der in Uzwil ansässigen Bühlergroup aufgekauft, bei der ich viele Jahre gearbeitet habe. Da ein Studium ja immer auch mit Auslagen verbunden ist, kam mir die Idee, mich bei dieser Firma um eine Stelle zu bemühen. Dank einiger gut gepflegter Kanäle aus der Zeit des Kalten Kriegs ist es mir gelungen an den Mittelsmann heranzukommen, mit anderen Worten: Ich kenne Jemanden der Jemanden kennt, der der Chef ist von Demjenigen, der entscheidet ob es mich überhaupt brauchen könnte (er hat übrigens gemeint, es brauche mich!). Seit anfangs Januar fahre ich also jedes Wochenende nach Peterborough um bei der dortigen CDD Steuerungen zu bauen. Das Auffrischen der einst erworbenen Fähigkeiten macht mir recht Spass und ist ein guter Ausgleich zum Geigenbauen. Allerdings geht die Wirtschaftskriese wohl an niemandem Spurlos vorüber und so werde ich ab Mitte Februar an den Wochenenden wieder Ausschlafen können. Aber wer weiss, vielleicht später einmal wieder? Ich bin jedenfalls froh, dass ich nicht mehr im Hotel als Nachtportier arbeiten muss.
So meine Lieben, das nächste Mal schicke ich Euch wieder ein paar Bilder mit. Wovon? Lasst Euch überraschen...
bis dann
Euer Gabriel
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