Donnerstag, 2. September 2010

052 Raphael - Major vs Tellerwäscher

Liebe Freunde

Seit ich hier auf dieser Insel gestrandet bin, begene ich den merkwürdigsten Gestalten. Eine von ihnen ist sicher mein inzwischen lieb gewonnener Freund, Raphael. Er ist Jude und führt hier im Dorfkern ein kleines Kaffee namens "Delicious". Salva hat mich vor etwa einem Jahr das erste Mal zu ihm geschleppt, um eine seiner (inzwischen legendären) Suppen zu probieren - ja ich weiss, ein Kaffee, aber er verkauft auch Suppen. Wirklich ein lustiger Vogel dachte ich, so ein wenig gestresst rennt er da hinter dem Tresen auf und ab und murmeld allerlei Kauderwelsch zusammen. Seine linguistischen Künste sind mir bald aufgefallen. Mit Salva unterhält er sich auf italienisch, mit mir auf deutsch, mit seinen Kindern spricht er hebräisch, mit den Kunden englisch (ausser wenn er explizit Wert darauf legt, dass sie seine Worte nicht verstehen). Raphael möchte ich diesen Eintrag widmen, denn ich seh ihn doch fast jeden Tag und er gehört schon fast zu meiner "britischen Familie".

Gewonnen hat mich dieser kleine, über sechzig jährige Mann definitiv mit seiner vorzüglichen Suppe, seinem zuckersüssen Charme und dem damit meist in Verbindung stehenden messerscharfen, schwarzen Humor. Zu seinem Werdegang muss man wissen, dass er in Europa geboren wurde, seine Eltern aber im zweiten Weltkrieg via Portugal nach Israel flüchteten. In relativ armen Verhältnissen sei er aufgewachsen, seine Eltern hätten kein Geld gehabt, ihn auf eine bessere Schule zu schicken, dabei wäre er so gerne Dirigent geworden. Als junger Mann ging er dann zur Armee, um den obligatorischen Dienst zu leisten. Seine Vorgesetzten merkten anscheinend bald, dass er etwas in der Birne hatte und haben ihm eine Militärlaufbahn vorgeschlagen, die er dankend ablehnte. Das einzig Atraktive daran wäre gewesen, dass er während der Ausbildung ein Studium im Ausland hätte absolvieren können. Aus diesem Grund nahm er dann nach reiflicher Überlegung das Angebot doch an. Zu seinem grossen Unvergnügen (gibts dies Wort überhaupt?) war aber nur noch ein Studienplatz in Berlin frei (Unvergnügen deshalb, weil er eigentlich ungern in das Land wollte, ausdem seine Familie Flüchten musste), wo er dann Politwissenschaften und Geschichte studierte. Der Literatur und der Musik war und ist er immer noch sehr angetan. Nicht selten rezitiert er Auszüge aus irgendwelchen Stücken der deutsch-literarischen Hochkonjunktur. Auch vieler Anekdoten mit und ohne Berühmtheiten weiss er sich situationsgerecht zu bedienen und erfreut dabei sein Kaffee-Publikum.

Die Jahre des Lernens und Lebens schloss er dann mit seiner Doktorarbeit ab und kehrte wieder nach Israel zurück. Dort musste er sich dann für 25 Jahre Militärdienst verpflichten. Eine nicht ganz einfache Angelegenheit. Drei Kriege hat er während dieser Zeit aktiv miterlebt. Als Freund spüre ich sein Anliegen, den ihm innewohnenden Militärmenschen gänzlich hinter sich zu lassen. Allerdings ist die Diskrepanz (hinsichtlich der Kompetenzen), vom Major eines Regimentes in Israel zum Tellerwascher eines Nebengassen-Kaffees in Newark, kein leichter. Bei politischen Diskusionen merkt man schnell, wie präsent er noch in dem Geschehen drin ist. Oft regt er sich auch über Zeitungsartikel auf. Zum Beispiel bei der Sache mit den gefälschten Pässen einiger Mossad-Angehörigen in Dubai, da hat er sich dermassen aufgeregt. Er wisse genau woher die Pässe kämen, aber aus Tel Aviv ganz bestimmt nicht. Ich musste schmunzeln.

Raphael schreibt gerade an einem Buch, dass von seinem Verleger in etwa vier Sprachen übersetzt werden wird. Es handelt wohl von ganz vielen Erfahrungen seines Lebens und trägt den Titel "If Tears Could Talk". Die erste Zeit als Offizier wurde er mit der Aufgabe betreut, Eltern gefallener Soldaten Bericht zu erstatten. Eine Aufgabe, auf die er überhaupt nicht vorbereitet wurde. Mit dabei waren jeweils ein Rabbi und ein Psychologe. Bereits nach kurzer Zeit konnte er nachts nicht mehr schlafen und musste selber den Psychologen in Anspruch nehmen. Leider hat Raphael neben dem 7-Tage-Job kaum Zeit, sein Buch voranzutreiben. Das Kaffe hat er nämlich nicht aus Spass, sondern er tilgt damit nur die Schulden seines Sohnes, der ihm z.Z. gerade etwas Sorgen bereitet, aber darauf einzugehen wär hier sicher nicht angebracht.

Wir haben ja auch einen Palästinänser in der Geigenbauschule, Shehada ist sein Name. Ein sehr freundlicher Zeitgenosse, der nur so sprüht vor Lebensenergie. Er selber kommt aus Ramallah und hatte auch schon Auseinandersetzungen mit Israelis. Vor einigen Monaten wure ein alter Schulfreund von ihm erschossen. Er erzählte mir, wie sie früher gemeinsam mit ihm die Mauer der West-Bank erklommen und Steine auf die israelischen Fahrzeuge warfen. Trotz der politischen Differenzen liebt auch er Raphaels Suppe und beide wissen um die Hintergründe des Anderen. Eine latente Spannung ist schwach zu spüren, aber im Grunde mögen sie sich. Beide beteuern auch, dass die Leute in Israel und Palästina untereinander keine Problem hätte, wäre da nicht das Unvermögen der Staats-Chefs Frieden zu schliessen. Raphael präzisiert dann noch...
Zu dem Thema gäbe es wohl noch viel zu sagen und auch zu weihnen, aber dies ist ja kein politischer Bog, sondern ein Tagebuch!

Wie dem auch sei, jeder von Euch, der mich einmal in Newark besuchen kommt, wird Raphael kennen lernen und von seiner köstlichen Suppe probieren. Solange es noch so sonnig ist wie jetzt, kann man sogar draussen sitzen ;) also los, worauf wartet ihr?

In diesem Sinne wünsche ich Euch einen friedvollen Abend.

Euer Gabriel

2 Kommentare:

Michel hat gesagt…

En Gruäss em Rafael (ich glaubä, er schribt sich sicher mit "f" und nid mit "ph" - frogen mol :-) ) ...und übrigens: ich bi ganz sicher nid sletscht mol bi ihm im Kaffi gsi! sooooon I'll be there ;-)

Anonym hat gesagt…

liebe Gabriel wo bliebt de neu itrag. Dä do vom Rafael und sinere Suppe hani scho gläse. Also los hü...;-) gruess tanti