Sonntag, 14. Dezember 2008

027 Der Fiddle Race Wettbewerb

Liebe Freunde

Die letzten Tage in Newark zählen wohl zu den unglaublichsten, anstrengendsten, aufregendsten und intensivsten die ich hier bis jetzt erlebt habe.

Vor etwa 3 Monaten wurde ich angefragt einem "Fiddle Race Team" beizutreten. Ein Fiddle Race ist ein Geigenbau Rennen, dass hier in Neark seit über 25 Jahren Tradition hat. Dabei geht es darum in 24h mit seinem Team eine Geige zu bauen. Ein schier undenkbares Unterfangen. In den frühen Tagen dieser Tradition baute man 24h am Stück an dem Instrument. Heute darf man das aus Sicherheitsgründen gar nicht mehr und deshalb wirds auf 3 Tage verteilt (9h+9h+6h). Bereits im Vorfeld werden von den diversen Teams die ausgeklügeltsten Strategieen erdacht, um möglichst effizient und trickreich ans Ziel zu gelangen.

Letzte Woche war die Spannung bereits spürbar. Im Vorfeld war es uns gestattet die Mould (also die Form) mit den Eckblöcken unbearbeitet vorzubereiten. Auch die Decke und der Boden durften wir bereits vorbereiten sprich den Joint (also die Verbindung von rechter und linker Hälfte) leimen. Dieser muss ja recht gut trocknen ehe man mit "voller Kraft" die Späne fliegen lässt.

Insgesamt traten sieben Teams zum Fiddle Race an. Ein Team besteht immer aus 5 Mitgliedern und muss Studenten aus allen Ausbildungsstufen aufweisen. Der bestausgebildetste (3.Jahr) trägt von seinem Team die grösste Verantwortung. Er koordiniert die Arbeiten und muss versuchen trotz der Hektik Ruhe zu bewahren. Er wählt dann zwei Leute aus dem 2. Jahr, die doch bereits recht viel Erfahrung haben. Dann kommt noch einer aus dem ersten Jahr und seit Neustem auch einer aus dem Foundation Jahr (eine Art Vorbereitungsjahr zur anschliessenden Ausbildung). Da bei unserem Team plötzlich ein Zweitjährler abgesprungen ist mussten wir zusätzlich halt einen Erstjährler organisieren.

Unser Team:


Name: Pierrick
Nationalität: Franzose
besondere Merkmale: lange Haare, sieht aus wie Jesus
Fiddle Race Arbeit: die Schnecke


Name: Alisa
Nationalität: Deutsche
besondere Merkmale: lange Haare, gute Ausstrahlung
Fiddle Race Arbeit: die Decke


Name: Guillom
Nationalität: Franzose
besondere Merkmale: lange Haare, ruhiger Pol
Fiddle Race Arbeit: der Zargenkranz


Name: Lucie
Nationalität: Französin
besondere Merkmale: lange Haare, grosse Augen
Fiddle Race Arbeiten: Kaffe kochen, viiiieles lernen


Am Mittwoch Morgen war es also soweit. Peter Smith, der Rektor der Schule gab pünktlich um 9.00 A.M. das Signal zum Start. Ich kam etwa 2 Minuten zu spät, machte mich aber umso mehr hinter meinen Boden. Ich muss dazu sagen, dass ich den Boden zwar machen wollte, dies aber für einen "Lehrling" der gerade mal 3 Monate Studiert eine ziemliche Herausforderung darstellt. Dazu kommt das ich noch nie zuvor Einlagen eingearbeitet hatte und auch werder das Aushöhlen des Bodens noch das Verrunden der Kanten je zuvor üben konnte. Ich hab so Gas gegeben, dass ich eigentlich kaum wahrgenommen habe was um mich herum passiert ist. Die ganze Werkbankkombination hat gewackelt als ich mit dem aussparren der Wölbung begonnen habe. Diesen Teil kannte ich ja bereit, darum wollte ich da Zeit gutmachen. Ich kann nicht mehr genau sagen wann ich was gemacht habe. Die Zeit ist irgendwie stehen geblieben. Ich weiss nur, dass ich am ersten Tag die Wölbung und die Einlagen samt Hohlkehle fertig machen konnte. Ich war körperlich tot nach diesen 9 Stunden. Jeder Muskel war am Ende. Blasen im Handteller, kein Gefühl mehr im Zeigefinger nach dem Ausschneiden des Zargenkanals... Jetzt noch etwas Stretching, ein kühles Bier und ab ins Bett. Hab um 10.00 P.M. geschlafen wie ein Stein.


Am Donnerstag Morgen dann das etwas schmerzhafte Erwachen, das aber von der extremen Motivation völlig übertüncht wurde. Diesmal nur 1 Minuten zu Spät. Lucie auch. Hab sie in der Altstadt auf dem Weg zur Schule getroffen. Auch ihr tat alles weh. Sie hat die Zargen am Tag zuvor gehobelt und auf die richtige Dicke "gescratched". Danach hat sie mit dem Abrichten des Griffbretts begonnen. Ihre Lunge war innen bestimmt mit einem hauchdünnen Film von Ebenholz ausgekleidet. Ich hatte an diesem Morgen mein zweites nie zuvor erprobtes Unterfangen. Das Aushöhlen der Decke. Alisa hat mir in kurzen Zügen erklärt worum es geht und worauf ich achten muss. Und dann gings los.... einfach drauflos, immer im Hinterkopf der Gefanke nicht zu fest zu drücken damit der Boden nicht bricht und nicht zuviel Material abzutragen.... ein Gefühl von "do muesch jetzt eifach dure, frog nüt Unnützes, mach eifach". Nach 3h war mein Boden in der Rohform bereit für das Abrunden der Kanten. Das machte ich dann gleich anschliessend. Zuerst innen, dann aussen. Der Druck und die latente Angst etwas falsch zu machen war sehr anstrengend. Jeder hat sein Bestes gegeben. Unser Ziel war es "die Kiste" am Abend des zweiten Tages zu schliessen. Dies ist uns gelungen. Allerdings waren da noch ein paar Krämpfe zu überwinden aber auf die möchte ich jetzt gar nicht eingehen. Körperlich war ich an diesem Abend nicht so erschöpft wie am ersten Tag. Aber geistig war ich total ausgesaugt. An der Schwelle zu gereizt. Es ist gut seine Grenzen kennen zu lernen. An diesem Abend hab ich aufs Bier verzichtet und bin gleich nach Hause, hab mit Salvatore etwas gegessen und bin dann ins Bett.


Der folgende Tag war der alles Entscheidende. Auch diesmal war ich etwas zu spät aber nur weil ich unterwegs Guillom (des anderen Teams) aufgegabelt habe. Er ist mir auf die Lenkstange gesessen und wir sind wie ein frisch verliebtes Pärchen durch die Gässchen von Newark geradelt. Die Mehrheit der Newarker sind sich des Wertes der Farbigkeit bestimmt nicht bewusst, die die "Kontinentler" mit sich bringen aber bestimmt haben wenigstens einige geschmunzelt. Der Letzte Tag war vor allem dem Finish gewidmet. Aber am Ende sind es dann doch noch viele kleine Sachen, die zusammen kommen. Pierrick hat mit dem anpassen des Stegs begonnen. Alisa hat die Geige, die jetzt bereits wie eine aussah, von allen Seiten her poliert und ich hab mich mit der dritten Unbekannten angefreundet, dem Sattel. Das ist ein Kleines Stück Ebenholz, dass sich unmittelbar hinter dem Saitenhalter befindet. Der Stahldraht des Saitenhalters würde die Decke unter dem Zug der Saiten beschädigen wäre da nicht der Sattel. Dieses kleine Ding also hab ich auch noch gemacht. Bin schon ein wenig stolz auf mich, aber vorallem bin ich dankbar für dieses grossartige Team das ohne böse Worte und so viel Verständnis für einander funktioniert hat. Kurz vor halb 4 haben wir die Saiten aufgezogen, danach hab ich die Geige gestimmt und dann hat ihr Lucie die ersten richtigen Töne entlockt. Stellt euch mal diesen Moment vor! Vielleicht wie wenn das gerade eben geborene Baby zum ersten Mal schreit (also vielleicht nicht so ein Wichtiger Moment, dafür tönt die Geige schöner).


Um 4 Uhr mussten wir alle unsere Instrumente abgeben. Sieben Instrumente von 35 werdenden Geigenbauern. Diese Sieben Geigen gehen alle nach Kuba wo sie von der Organisation "Luthier sans Frontiere" an talentierte, mittellose Geigenstudenten weitergegeben werden.

Um 5 war dann die Preisverleihung. Ein ehemaliger Geiger aus Korea hat euf jeder Geige etwas vorgespielt. Die habens natürlich spannend gemacht. .. ich auch... Wer hat wohl gewonnen?
Ich sag nur: Schaut euch die Fotos auf der rechten Seite an!


Liebe Grüsse Euch allen. Mein Tagebuch macht jetzt Weihnachtpause. Werde bald in die schöne Schweiz fahren! Euch allen eine frohes und gesegnetes Weinachten und bis bald wieder im Neuen Jahr!

Mittwoch, 3. Dezember 2008

026 Weihnchts Oratorium

Liebe Freunde

Die "Newark Choral Society" hat dieses Jahr einmal mehr das Weihnachts Oratorium von Bach lancert. Andres, ein Geigenbauer aus dem 3. Jahr, hat mir gesagt, dass ich da eventuell im Chor mitsingen könnte. Da ich Bach sowieso liebe hab ich mich also um einen Platz im Chor bemüht. Da ich dies erst 3 Tage vor dem Halftern (Trimesterferien ende Oktober) erfahren habe konnte ich erst Mitte November den Proben beiwohnen. Das war allerdings eine kleine herausforderung, da ich erstens das Weihnachtsoratorium noch nie gesungen habe, zweitens der ganze Text auf englisch gesungen wird (übel) und drittens die Aufführung letzten Samstag war!! Mir blieben also noch zwei Chorproben wobei jeweils der zweite Teil der Probe fürs neue Programm verwendet wurde (na toll!). Dann kommt dazu dass ich zur ersten Probe wegen Verschlafens zu spät kam. Peinlich!

Das Orchester besteht zu einem grossen Teil aus Leuten der Geigenbauschule. Ausser ca 3 Leuten sind oder werden alle Streicher zu Geigenbauern ausgebildet. Da sieht man mal wie wir Studenten hier das Kulturelle Angebot massgäblich gestalten.

Unser Dirigent Roger Bryan ist ca 55 Jahre alt und ein richtiger Künstler. Er darf in einem wunderschönen Haus direkt neben der Kirche Hausen und beherrbergt jedes Jahr zwei Studenten. Mit dem Erlös der Miete kann er knapp die Heizkosten für dieses undichte Bijou bezahlen. Er hat etwas, das man wohl als britischen Charme bezeichnet. Während der Proben versteh ich nicht immer alles, aber nach jedem zweiten Satz musste der Sopran oder Alt oder auch beide jeweils leicht errötend kichern, während sich einige die Frisur zurecht tätschelten. Man muss hier vielleicht anbringen, dass ich mit meinem dabeisein das Durchschnittsalter der fünfzigköpfigen "Society" um etwa 10 Jahre nach unten gerissen habe (das war jetzt wohl leicht übertrieben). Jedenfalls hat er sich so die Herzen der Damen im Sturm erobert.

Die Leute da sind wie gesagt alle zwischen 50 und 70 und sehr nett. Sie gehören zu der Generation die, wenn man ihnen eröffnet Schweizer zu sein, mit "oh really, what a beautiful place on earth and so clean!!" reagiert. Ich nichte dann immer ganz stolz und hie und da zeige ich dann auch mein neutrales Schweizer Sackmesser. Aber sie sind wirklich alle sehr zuvorkommend und auf eine angenehme Art reserviert.
die Lustigen Leute

(Dieser Abschnitt wird jetzt sehr technich, aber interessant. Wer will kann ihn ja überspringen.)
Damit ich dieses Oratorium überhaupt einstudieren konnte, bediente ich mich allerlei technischer Hilfsmittel. Zuerst hab ich das Werk als MIDI-Sequenz aus dem Internet geladen. Nach etwas Suchen fand ich eine Datei mit sämtlichen Spuren. Diese hab ich ins LOGIC (mac Musikprogramm) importiert und die Spuren dann mit schön klingenden Instrumenten versehen. Danach hab ich meine Stimme in der Lautstärke etwas angehoben und das ganze als mp3 exportiert und komprimiert. Danach hab ich mir auf meinen iPod-Minimikro geladen und während dem Geigenbauen ständig angehört. Eine sehr effiziente Variante.

Vor genau einer Woche hatten wir dass die erste Probe mit den Streichern. Dies bereits in der Methodist-Church. Die ist recht klein und der Chor musste aus Platzgründen von der Empore aus singen. Das erschwerte das Zusammenspiel erheblich. Man sieht den Dirigenten schlecht, da ist die Schallverzögerung...etc.. es war ein Disaster. Roger benutze sogar ein Wort dass den Chor in eine richtige Revoltenstimmung versetzte. Es sollte den anscheinend Abscheulichen Klang des Soprans zum Ausdruck bringen. Einige Soprane sind dann nach Hause gegangen. hmm....

Für das Konzert brauchte ich dann einen Schwarzen Anzug und das Nette Fräulein aus der ersten Reihe hat mir sogar eine Fliege als Leihgabe gegeben und meinem Nachbar so beiläufig gesagt er solle mir dann zeigen wie man diese ordentlich anzieht. Ich glaube die haben alle gedacht ich sein ein Clochard als sie mich das erste mal gesehen haben. Jedenfalls hab ich mir jetzt einen extrem heruntergesetzten 100% wollenen Anzug ergattert. Beim Schneider musste ich den dann noch anpassen lassen (Taille und Beinlänge).

Das Konzert war dann doch ein voller Erfolg, trotz vieler Krämpfe. Hier hab ich einige Bilder gepostet.

Viel Spass und liebe Grüsse!!


Freitag, 28. November 2008

025 Landschaftsbilder

Liebe Freunde

Hab gerade viel um die Ohren aber ich lasse Euch nicht auf dem Trockenen sitzen.

Hier ein Paar Landschaftsbilder vom letzten Wochenende. Hab Alisas Vater mit Henrys Auto zum Flughafen gefahren. Auf dem Rückweg war plötzlich so eine schöne Stimmung und wir haben uns entschlossen etwas spazieren zu gehen. Ich parkte das Auto einfach vor einem Bauernhof an der Hauptstrasse. Zwei Freunde von der Schule haben kürzlich dasselbe gemacht. Dem einen wurde es gestohlen. Dem andern wurde es über Nacht angezündet (!). Aber ich hatte Glück!

Hier einige Impressionen

Mittwoch, 26. November 2008

024 Sherwood Forest

Liebe Freunde

Vor ein paar Wochen war ich im berühmt berüchtigten Sherwood Forest. Die meisten von euch kennen den Wald vermutlich aus den Erzählungen des Robin Hood, der die Reichen bestohlen und das Geld unter den Armen verteilt hat. In genau diesem Wald war ich also vor zwei Wochen. Der Wald war früher mal viel grösser. Das Städtchen Newark in dem ich lebe war damals noch völlig vom Wald eingeschlossen. Heute muss man mit dem Auto 20 Minuten fahren um ihn zu erreichen.

In einem bestimmten Abschnitt gibt es da ein Haus auf einer Lichtung, dass schon fast ein wenig an ein Etablissement aus königlicher Zeit erinnert. Vor ca 30 Jahren haben sich dort wohl einige Hippies niedergelassen. Es sieht ganz nach einem selbstversorger Örtchen aus. Holz zum heizen haben sie ja genug. Auf der Lichtung bauen sie allerlei Gemüse an. Da hat es noch ne kleine Weide mit einem Pferd. Weiter unten steht sowas wie ein Zelt aus Faserverbundstoff. Ich habe mir sagen lassen, dass dies eigentlich ein grosses Biotopbecken war, dass einer günstig gekauft hat und jetzt einfach umgekehrt aufgestellt als wasserdichtes Zelt benützt. Wie originell! Da es sehr kalt war an diesem Wochenende wurde das Zelt mit einem Holzofen beheizt. Auf der einen Seite war eine kleine Bühne komplet eingerichtet mit Licht, PA, Mikrofonen und Monitoring, alles einfach im Kleinformat. Auf der anderen Seite war sowas wie ne kleine Lounge mit Sofas und Stühlen. Alles dazwischen war Tanzfläche. Mal hat eine Band gespielt, dann wurde wieder Aufgelegt und eigentlich immer getanzt. Früh morgens um drei hatten Henry, Max und ich dann die spontane Idee unsere Geigen auszupacken und noch eine volle Stunde lang IrishFolk zu spielen. Das war richtig schön! Danach brauchte ich etwas Schlaf.

Der Morgen danach offenbarte sich in einem sanften Licht, das anfänglich noch unsicher, dann aber immer stärker durch das sich verfärbende Laub der Bäume dringte. Ich möchte eigentlich die Bilder sprechen lassen.

Dies hier ist übrigens der Ort. (die Karte ist interaktiv, die Karte lässt sich schieben und ergrössern)



In der Mitte des Bildes ist dieses alte Schlösschen.

Mit den nachfolgenden Bildern sende ich Euch allen liebe Grüsse (bitte aufs Bild cklicken).

Freitag, 21. November 2008

023 ...bin wieder daha!!

Liebe Freunde

Mit meinen Zeitangaben bezüglich "nächstem Eintrag" muss ich künftig sorgfältiger umgehen. Jedenfalls bin ich jetzt wieder da und bemühe mich regelmässig etwas aus meinem Leben zu berichten. Nicht etwa dass nichts passiert wäre in der Zwischenzeit, aber ich hatte einfach irgendie nicht so Lust zum schreiben. Eigentlich sollt der heutige Titel ja "Heimreise 2.Teil" lauten, aber unter den zeitlichen Gegebenheiten...naja.

Ich erzähle jetzt trotzdem was da am Flughafen noch so passiert ist, der Vollständigkeit halber.

(Fortsetzung aus Heimreise 1.Teil).... Aber dem war nicht so. Kaum hab ich mich hingesetzt und mein iBook hochgefahren, da setzt sich eine nette Frau um die fünfzig neben mich hin. Ich hatte sie zuvor beim Check-In gesehen und auch bereits im Wartehäuschen in Romanshorn und bei der Fähre. Sie hatte einen enormen Koffer bei sich (natürlich noch vor dem Check in) und eine liebe Ausstrahlung. Irgendwie sind wir ins Gespräch gekommen (das passiert mir ja oft) und haben uns einander vorgestellt. Ihr name war Sue. Sie hat mir erzählt, sie sei gerade auf dem Weg nach London um ihr Hausboot zu verkaufen. Anscheinend hatte Sue dort einige Zeit gelebt und da auch Schiffe auf der Themse herumgefahren. Ich war überrascht und hatte gut zugehört. Ihre Eltern seinen schweiz/kanadischer Herkunft aber sie sei in der Schweiz aufgewachsen (dem Dialekt zufolge in der Ostschweiz). Später ist sie jedoch mit ihrem Partner jahrelang um die Weltmeere gesegelt und hat auch ihre drei Kinder dort zu einem Teil grossgezogen, hat ihnen das Segeln beigebracht, hat sie unterrichtet und ihnen unheimlich viel gezeigt. - Das ist doch der Hammer!! - Eines Tages, als sie gerade vor Hawaii angelegt hatten (ich glaube es war um Weihnachten) sagte ihr Ältester: "Du, chömmer nöd endli mit dere Seglerei ufhöre. Ich möcht id Schuel...". Sie waren schon etwas schockiet und mussten sich dann wohl oder übel darüber Gedanken machen. Sie haben sich dann lange nach einer Insel umgeschaut, auf der möglichst wenig Infrastruktur vorhanden ist. Sie wollten ihre Kinder naturnahe aufziehen und ihre Zeit für sinnvolle Tätigkeiten nutzen. Und natürlich musste da eine Schule sein. Sie hat mir erzählt wie sie sich in Jachtclubs nach den "uninteressantesten Inseln" umgehört hätte, und genau jene haben sie dann erkundschaftet und sich schliesslich auch auf einer niedergelassen.
Ihre Kinder sind heute an Top-Positionen in Marine und Schiffahrt. Sie hat mir gesagt, dass sie ihnen die Studien unmöglich hätte finanzieren können. Dank deren umfangreichen Kenntnissen auf See hat jedoch der Staat die Kosten übernommen.

Sie selber ist sich gerade im Tessin am einrichten. Da muss es im Maggia-Tal irgendwo ein Öko-Dorf geben. Dort hat sie einen Laden wo sie allerlei handgemachte Waren verkauft. Eine Passion von ihr ist auch Menschen in aller Welt die Ur-Kenntnisse der Stoffherstellung wieder beizubringen, also z.B. wie man spinnt, webt oder filzt. Auch wie man aus ein paar wenigen Stöcken aus dem Wald und etwas Schnur einen einfachen Webstuhl bauen kann. Sie hat eine Webpage unter http://www.wool-n-dance.com. Eines ihrer derzeitigen Projekte sind gerade so Riesen-Filz-Teppiche. Den letzten hat sie im Tessin an einer Veranstaltung von heimischen Bauern realisiert.

Plötzlich nimmt sie eine Seife und einige farbige Wollenknäuel hervor und beginnt die Wolle zu zerzauseln. Während wir uns unterhalten wickelt sie die Seife vorsichtig mit dieser Wolle ein. Sie erklärt mir dass sie die Seife jetzt einfilze und ich sie nacher als "seifenspendender Waschlappen" gebrauchen könne. Wenn die Seife aufgebraucht ist, kann ich den Filz aufschneiden und als Handy-Schutz verwenden. Sooo cool!!

Ich hab ihr dann noch ein wenig von meiner Geschichte erzählt und ihr meinen wunderschönen(!) Instrumentenkoffer gezeigt. Die Frau neben ihr (auch gerade kennengelernt) war auch sehr interessert und ich hab ein wenig von der Geigenbauschule geschwärmt.
Wir sassen da also immer noch am Gate rum als plötzlich Alisa auf mich zu kommt. Welche Überraschung! Alisa ist Deutsche, im zweiten Jahr der Geigenbauschule und ist im Allgäu aufgewachsen. Was für ein Zufall! Ich freute mich sehr sie zu sehen. Ich wusste weder dass sie jeweils ab Friedrichshaven fliegt, noch dass sie (wie ich auch) einen Tag zu spät "einrücken" würde. Nachdem sich alle vorgestellt hatten kriegte auch Alisa und die andere Frau ne Seife und Wolle. Einige Kinder haben uns zugesehen und waren ganz angetan. Schliesslich bekamen auch sie eine Seife und das halbe Gate (etwas übertrieben aber eine schöne Vorstellung) war nun am filzen. Keiner hat mehr die Durchsagen von wegen Taschendieben etc. mitbekommen. Alle waren ganz friedlich und froh am Filzen. Was für ein Bild.

Der Flug verstrich dank der fröhlichen Unterhaltung "wie im Flug". In London angekommen passierten wir die Passkontrolle und gelangten zu unserem Gepäck. Alisa und ich verabschiedeten uns herzlich von den beiden Damen. Ich bin sicher, dass ich Sue wieder mal über den Weg laufen werde. Falls jemand von euch zufälliger Weise in diesem Öko-Dorf vorbeischaut, sagt ihr doch einen Gruess von mir, ja?

So, das wars von meiner Rückreise.

Allen ein friedliches Wochenende!

Freitag, 7. November 2008

022 Heimreise 1.Teil

Liebe Freunde

Vor einigen Tagen bin ich wieder im Vereinigten Königreich gelandet. Nass, kalt, grau. Britischer Frühwinter eben. Eigentlich sind wir seit ich in England bin von solchem Wetter mehrheitlich verschont geblieben. Aber meine Freunde hier haben mich schon vor dem Winter gewarnt. Heute morgen scheint jetzt zum ersten mal die Sonne in dieser Woche. Ein herrliches Geschenk.

In den vergengenen Tagen hab ich wieder vieles erlebt. Einges davon möchte ich Euch berichten.
Bereits am Flughafen in Friedrichshafen sind mir wieder die unglaublichsten Dinge passiert. Aber ich beginne am Anfang. Am Sonntagabend hab ich bei Timo in St.Gallen eine günstige Fährenverbindung von Romanshorn nach Friedrichshaven herausgesucht. Da ich wohl bereits etwas müde war hab ich mich für eine viel zu frühe Verbindung entschieden. Jedenfalls hab ich mir diese Zeit gemerkt und begab mich dann am späteren Nachmittag via Zug mit samt meinem Gepäck (Rucksack, Koffer, Instrumente) nach Romanshorn. Dort angekommen suchte ich erst mal die Post auf, wo ich mit meinem ganzen Karsumpel kaum zur Tür hinein passte. Ich brauchte eigentlich nur eine B-Post Marke und bin da ein paar Minuten angestanden. Danach schlenderte ich gemütlich zum Bahnschalter um ein Ticket nach Friedrichshaven zu lösen. Ganz beiläufig fragte ich dann noch nach der Abfahrtszeit. Er meinte nur:"jo dä händsi etzt grapfeapasst, dä wöa i zwei Minuute fahre, abo de nögscht goht jo innere Stund..". Nein, das schaffe ich noch, schnappte mein Gepäck, rannte aus dem Wartesaal (zum Glück gehen diese Türen so langsam auf), dem Perron entlang, um die Plakattafeln herum, die Treppe herunter, unter der Unterführung durch, die Steigung hoch und.... sah gerade wie das gute Schifflein volle Kraft voraus davonzwitschert. Der Puls war hoch, die Temperatur auch. "Nein", dachte ich, hoffentlich bleibt genug Zeit zum Einchecken. Also hockte ich mich auf diesen unterdachten Holzvorbau zwischen Bahnhof und Fähre und zückte meine Flugbestätigung aus der Tasche. Es war gerade 16:38 als ich auf dem Blatt die Abflugszeit 21:40 lese. Müsste eigentlich auch noch in einer Stunde reichen, da man mit dem Schifflein über den Teich nur etwas mehr als 40 Minuten braucht. Und ich frage mich warum ich es eigentlich so eilig habe. Ausser Atem liess ich die Woche Revue passieren. Eine strenge Woche vollgepackt mit Aktivitäten. In England hab ich es wesentlich ruhiger. Liegt es an mir oder am Puls der Gesellschaft? Ich nahm meinen iPod-Piko hervor (kleiner als der Nano) und berlieselte mich mit Mozarts Zauberflöte. Als mir kalt wurde, setzte ich mich ins Wartehäuschen. Die Stunde war schnell um. Die Fähre kam und der legendäre Abschied von der Schweiz aus dem Oberdeck stand mir bevor, ebenso wie die obligate heisse Schokolade auf der Überfahrt. Die war nicht sehr spannend. Hafeneinfahrt, Anlegen, Passkontrolle, mit der Bahn in die Stadt hinein, Umsteigen auf den Zug nach Flughafen Richtung Ulm.

Ich stand da also am Perron und wartete auf den Zug. Neben mir stand ein Mann mitte 30, blonde, kurze Haare, Brille mit einer Tasche und der Jacke über dem Arm. Auf der Anzeigetafel stand "Flughafen, Ulm". Ich war plötzlich verunsichert ob dieser Zug jetzt zum Flughafen Friedrichshafen oder zum Flughafen Ulm oder beides nacheinander fährt. Vielleicht hattet Ihr das auch schon, dass man im letzten Moment (z.B. vor dem Besteigen eines Zuges) sich ganz komische Gedankengänge macht und dann oft sogar Fehlentscheidungen trifft. Jedenfalls geh ich zu dem Mann hin und frage ihn ob dieser Zug am Flughafen Friedrichdafen hält. Der guckt mich nur komisch an, verdreht die Augen, kniet vor mich hin (mehr ein Absacken) und "küsst die Matte". Ich realisierte dass dieser Mann kurzzeitig das Bewusstsein verlohren hatte. Sofort richtete ich Ihn auf, tätschelte ihm auf die Wange, sprach ihn laut an (das wollte ich schon immer mal, aber....wenns dann soweit ist...naja). Eine Frau mitte 40 kam dazu (die anderen Leute waren total anteilnahmslos, krass irgendwie). Ich wollte ihn gerade in die Seitenlage bringen, da kam er wieder zu sich. Ich hab dann vorsichtshalber meinen Mundgeruch gecheckt, aber der war ok. Er meinte dann, er habe das oft. Ihm werde plötzlich schlecht und dann passierts. Er hatte nicht mal einen Kratzer am Kopf obwohl er voll darauf zur Seite fiel (und dieser dumpfe Klang). Ich meinte nur dass er sich das nächste Mal kein schmales Perron aussuchen soll, wo gerade eine Zugseinfaht erwartet wird, wir lachten beide.

Am Flughafen angekommen steuerte ich gleich einen unbesetzten Check-In an und begann mein Gepäck umzupacken. Die haben alle eine präzise Waage und da meine Fluggesellschaft horrende Preise für Übergepäck verlangt, dachte ich diesmal das Ganze zu meinen Gunsten ausfallen zu lassen. Die Leute auf den Sesseln musterten mich ungläubig aber ich habe damit ja keine Probleme. Wenn man etwas unübliches tut, muss man es nur mit der nötigen Überzeugung tun und niemand wird intervenieren. Als ich fertig "gepackt" hatte sah ich wie mir ein netter Herr um die 50 zuschmunzelte. Er war wohl der einzige der verstand was ich da machte. Ich schmunzelte zurück.

Mein Check-In öffnete 1h später. Das Personal an kleinen Flughäfen ist oft viel entspannter als an grossen, verkehrstechnisch wichtigen Zweigstellen. Bei der Gepäckskontrolle hat auch niemand reklamiert, obwohl ich zwei Instrument in nur einem bezahlten Koffer transportiere. Hab sogar in den Bildschirm schauen dürfen und die Instrumente von innen gesehen. Im Duty-Free hab ich mich mit Schokolade eingedekt und mich im Warteraum auf einen längeren, womöglich langweiligen Aufenthalt eingerichtet.

2.Teil folgt morgen....

Mit lieben Grüssen
Gabriel

Mittwoch, 22. Oktober 2008

021 Ich komm nach Hause!!

Liebe Freunde

In 17h mach ich mich auf den Weg nach Dublin wo ich dann am Flughafen übernachte. Am Donnerstag morgen früh, fliegt dann mein Flugzeug Richtung Schweiz... ist am günstigsten für mich, ca 20.- inkl Taxen, unglaublich, oder?

Der Grund für dieses Time-Out ist der sogenannte "Half Term", so eine Art Quartals-Ferien.

Werde dann bis am 3. November in Helvetien verweilen.

Bis bald

Euer Gabriel