Mittwoch, 1. September 2010

051 Zeig mir deine Werkstatt und ich sag dir wer du bist...

Liebe Freunde

Gut eine Woche bin ich jetzt schon mit Svea und Salvatore in der neuen Wohnung, aber in unserer Werkstatt sieht es immer noch aus, wie wenn eine Bombe eingeschlagen hätte. Holzstapel versperren den Weg zur Küche, ein halbes Sofa behindert den Zugang zur Werkbank, einige Hobelspäne vermitteln den Eindruck von getaner Arbeit und die Beitel überall schreien nach Ordnung! Da ich ja eine gute Erziehung genossen habe, verspüre ich durchaus den sanften Drang, Ordnung in das Chaos zu bringen. Mein eigenes Zimmer macht sich ja schon ganz gut. Nur das Anlaufen der Fenster bereitet mir bezüglich des lang anhaltenden Winters ein wenig Sorgen. Leider sind unsere Schiebefenster von der ganz alten Sorte - so die typisch amerikanische "bei-mir-ist-leicht-einzubrechen-Sorte" - und die sind etwa so dicht wie die Schmiernippel eines Centurio-Panzers. Zurück zur Werkstatt: heute Morgen sind Svea und ich zum Markt auf der anderen Seite des River Trent gegangen. Jeden Mittwoch findet da die Versteigerung hunderter Bananenschachteln mit zweifelhaftem Inhalt (besonders bezüglich Qualität, denn Quantität war auf dieser Insel noch nie ein Problem) statt. Bei der Gelegenheit mischt sich aber auch immer ein Werkzeugverkäufer unters Volk, bei welchem wir letzte Woche zwei Schraubstöcke bestellt haben. Diese sehen etwas anders aus als die herkömmlichen Schraubstöcke, die man bei uns so kennt, aber sie erfüllen den Zweck allemal. Wir begaben uns also in die Ecke, wo der gute Knabe seine Ware üblicherweise vertreibt und siehe da, sobald er uns erblickte, sagte er trocken:"vices? ... behind the van.." was soviel bedeutet wie "die Schraubstöcke sind hinter dem Lieferwagen". Tatsächlich hatte er sogar drei Prachtexemplare der "alten Schule" mitgebracht. Zwar standen die Guten nur so vor Rost und Dreck, aber wenn man in Anbetracht zieht, dass der Hersteller 1964 die Produktion eingestellte, muss man zugeben, dass derartige Qualität heute zur Rarität verkommen ist. Zwei von denen haben wir gleich mitgenommen für schlappe £45.- (ca. SFR2.- pro kg Stahl (inkl Rost)). Der Transport hat sich dann allerdings als etwas Mühsam erwiesen. Trotzdem, die Aktion wars Wert.

Das heutige Tagesziel ist also definitiv, die Werkstatt auf Vordermann zu bringen um dann einige Arbeiten abzuschliessen, bevor die Schule dann nächsten Montag beginnt. Ich werde mich ja jetzt dem Bau eines Cellos widmen (von ganzem Herzen) und freue mich riesig auf den Prozess. Allerdings ist die Geschichte mit etwas Zeitdruck verbunden. Die Schulleitung hat uns nämlich jetzt aus Spargründen sechs Wochen des regulären Unterrichtes gestrichen. Nichts desto trotz, ich kann nicht klagen, im Gegenteil. Bin mit meiner Neuen Wohnung sehr zufrieden.

Gestern sind unsere Nachbarn in der Wohnung über uns eingezogen. Gemerkt hab ich dies allerdings nur an dem speziellen Lärm, der ein sich auf dem Weg in die Wand befindlichen, behämmerter (im eigentlichen Sinne) Nagel von sich gibt. Später hab ich dann das Pärchen auch zu Gesicht bekommen. Es sind Laurenz aus den Niederlanden und seine neue Freundin deutsch-österreichischer Herkunft. Laurenz beginnt mit seinem zweite Jahr der Geigenbauschule und spricht vorzüglich deutsch. Ausserdem ist er ein guter Geigenspieler. Seine Freundin studiert Medizin in Innsbruck.

Was noch... ah ja: Salva ist wieder auf dem Weg zu Besserung, nachdem er gestern mit Schrecken festgestellt hat, dass sein neuer Vermieter immer noch kein Geld von seinem Konto für die neue Wohnung bezogen hat. Ich hab ihn dann gefragt, ob er eigentlich ein Papier unterschrieben habe, welches seine Agentur zur Abhebung desjenigen berechtige. Er meinte dann nur, dass er schon etwas unterschrieben hätte, aber worum es sich dabei gehandelt hätte wisse er jetzt auch nicht mehr. Aber er versicherte mir, dass es wirklich so ausgesehen hätte wie etwas, was man in solchen Fällen eigentlich immer Unterschreiben müsse. Ich hab ihm daraufhin einen Vortrag über Blanko-Unterschriften gehalten. Nach einem klärenden Telefonat kam heraus, das die Agentur immer noch auf die Überweisung warten würde, da sie natürlich NICHT dazu berechtigt war, Geld von seinem Konto zu beziehen. Wir sind dann zu seiner Bank und haben die Überweisung eingeleitet. Ich denke, dass er dann in ein bis zwei Tagen seine eigenen vier Wände in Empfang nehmen darf.

Und zum Schluss noch dies:
"carpe diem" hat auch im Englischen nichts mit Teppich zu tun und bedeutet abgesehen davon viel mehr "pflücke den Tag" anstatt des umgangssprachlich immer wieder missdeuteten "nutze den Tag".

Mit ganz liebe Grüssen
Euer Gabriel

5 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Lieber Gabriel

Oft komme ich nach Hause und denke: "Hoffentlich hat Gebriel was in sein Tagebuch geschrieben"... ich lese alles von Dir und weiss eigentlich gar nicht recht ob du den richtigen Berufsweg gewählt hast. Autor wäre eine gute Alternative, Deine Berichte sind lebhaft, unterhaltsam, kurzweilig und wie Du einfach so herzlich. Sollte Du mal ein Buch schreiben dann will ich die 1. Ausgabe mit einer persönlichen Widmung:-)

Also, schreib fleissig weiter, damit ich ein Stückchen an Deinem Leben teilhaben kann..

Alles Liebe und eine dicke Umarmung!Deine Ex-Nachbarin Susi

Gabriel Bolliger hat gesagt…

Alter Schwede!!
so viele Komplimente an einem Abend zu verdauen stellt selbst meinen "Rossmagen" vor ein Problem.
aso Susi, jetzt machsch mi grad chli verläge...
aber hey, ha di au gärn und danke für d'Blueme =)

Anonym hat gesagt…

Hoi Gabriel

Wämer dini Zeile liest hanich immer en Smile im Gsicht. Es isch eifach unglaublich unterhaltsam zläse, was du gschribe häsch. Vor allem d Art wie du schribsch,eifach Gabriel pur.
Mach wiiter. Es git sicher ganz viel wo dini Gschicht mitverfolgt. :-)

Also ich han immer richtig spass.

Ganz liebi Grüessli vom Bodesee
Karin

Tanti hat gesagt…

also wenn ich deine Zeilen lese und ich lese sie alle, so muss ich oft schmunzeln und es kommt mir vor als wär ich in einer anderen Welt/ einer anderen Zeit. Manchmal hab ich das Gefühl du lebst im Mittelalter und deine Zeilen stehn in einem sehr guten Buch das ich zur Hand nehme und mich darin verweile...weit weg von meinem stressigen Altag!
Das du mit deiner "Rostbüchse" überhaupt wieder soweit gekommen bist, erstaunt mich doch schon sehr.
Hug Tanti

Gabriel hat gesagt…

Ach ihr liebe, das macht mir jetzt aber Froid und stellt mich uuf. Demfall gits noch no Lüüt, wo mini Iträg läsed...demfall fahri fort eso...
liebi Grüess und gueti Nacht