...Fortsetzung vom letzten Eintrag
Ziemlich am Anfang der Auktion machte sich bei mir eine Müdigkeitskriese bemerkbar. Deswegen schlich ich mich kurz davon, um mir schräg vis-à-vis im Café Leonidas einen doppelten Espresso zu genehmigen. Der war wie immer hervorragend.
An der New Bond Street gibt es zahlreiche Geschäfte, die sehr "posh" (luxuriös) aufgemacht sind. Mitunter sieht man da Marken wie D&C, BALLY, Armani, Versace, und viele mehr. Es wird jedoch erzählt, dass sich das Bild dieser Strasse jährlich verändert. Die Mietzins müssen hier so unanständig sein, dass es ständig zu Mieterwechseln kommt. Dieses Café Leonidas ist wohl seit ca. einem halben Jahr hier und sehr stilvoll eingerichtet. Die machen hier auch Pralinen und der Kaffee ist wirklich gut.
Nach meiner kleinen Stärkung wollte ich wieder zurück zu Bonhams und bin dann vor einem VICROTINOX Laden stehen geblieben. Ich hab in der Schweiz noch nie einem VICTORINOX Laden gesehen aber hier in London finde ich einen, unglaublich! Natürlich bin ich hineingegangen und sofort hat mich ein netter junger Mann bedient. Ich hab ihn zuerst ein wenig über diesen Laden ausgefragt und er hat mir dann die Uhrenkollektion gezeigt. Da war eine superinovative Uhr mit digitalem Kompass und Zielführungsfunktion, extrem futuristisch und sauteuer. Nachdem er mir alle Funktionen erklärt hat, versicherte er mir, dass in der Schweiz die Soldaten mit diesen Uhren ausgerüstet werden. Ich musste nur lachen und schüttelte den Kopf. Dann war er recht verunsichert. Ich hab ihm dann gesagt, dass ich Schweizer und in der Armee sei. Aber ich wollte ihm das Leben dann nicht unnötig erschweren und hab ihn freundlich gefragt ob ich mich noch ein wenig im Laden umschauen dürfe. Die haben da eine Herren- und Damenkollektion, Koffer- und Gepäcksstückkollektionen und jede Menge Messer. Eine zierliche Südafrikanerin hat mich dann etwas im Laden herumgeführt. Sie hat mir erzählt im Hause VICTORINOX in der Schweiz eine Ausbildung zum Bau des Standard Taschenmessers absolviert zu haben. Ich war recht überrascht. Sie hat mich dann gefragt ob sie mir ein Messer machen darf. Ich war noch überraschter und habe gefragt, was es denn koste? Sie meinte, das sei gratis. Jetzt war ich verblüfft. Sehr gespannt auf das Layout ihres Arbeitsplatzes bin ich ihr brav durch den Laden gefolgt. Der ganze Laden ist zusammen mit einem Architekten konzipiert worden und ist sehr eleganz hergerichtet. Ihr Abreitsplatz befindet sich im UG. Und tatsächlich konnte ich zusehen, wie ein Tschenmesser aus lauter Einzelteilen entsteht. Am Schluss hat sie mich noch nach meinen Initialen gefragt und diese dann in die Verschalung eingraviert. Ich war so positiv überrascht über diese Art von Behandlung, dass ich versprochen habe dies ganz vielen Leuten aus meiner Heimat zu erzählen und ihnen wärmstens empfehle den Laden bei Gelegenheit einmal zu besuchen. Übrigens: das teuerste Taschenmesser ist mit Diamanten besetzt und kostet umgerechnet ca 90'000 Schweizer Franken!
Danach bin ich, hoch beglückt, wieder zur Auktion zurück gekehrt. Da hat sich unterdessen einiges getan. Die Händler von Fernost kaufen alles zusammen was irgendwie nach Italien klingt. Da war mitunter auch ein Bogen, deklariert als "ein französischer Bogen" der von den Experten für £2000-3000 eingestuft wurde. Kurt meinte schon, dass dieser Bogen höchst wahrscheinlich von Charles Peccatte stammt und in diesem Falle ein mehrfaches Wert sei. An der Auktion dann ging dieser Bogen zuerst recht gemächlich los und blieb etwa bei £2500 stehen. Dann aber klingelten zwei Telefone (ein Service dieser Auktionshäuser für Mitbietende die nicht vor Ort sein können) und die Preise kletterten hoch. Durch den Saal ging ein Raunen und die Meisten fragten sich, ob sie da irgendwas verpasst hätten... der Bogen wurde dann für £22'000 einem der beiden Anrufer verkauft. Unglaublich nicht? Im Vorfeld spekulierten wir ein wenig über das Kaufverhalten der Mitbietenden. Einerseits ist da die Wirtschaftskrise und die Überlegung, dass die Leute nicht mehr viel Geld ausgeben können, ist angebracht. Andererseits ist da wiederum die Wirtschaftskrise und es wäre genauso möglich, dass die wohlhabenden ihr Geld lieber in Realien wie Kunstgegenstände anlegen, statt auf Wertpapiere zu spekulieren. Dazu kommt das momentan extrem tiefe Britische Pfund. Am ende Des Tages konnte man wirklich sagen: Es wurde gekauft und gekauft. Wir haben uns zwei Bögen ersteigert und sind nach dem Zuschlag ins Untergeschoss des Auktionshauses, das ein wenig einer Bank gleicht. Dort bezahlt man nebst dem Preis auch noch die Auktionshausgebühren und bekommt dafür einen Einlöseschein. Damit kann man dann in den Saal 3 und bekommt die Ware. Soviel zum Plan. Da wir den Saal 3 nicht auf Anhieb gefunden haben, dachten wir dass es vieleicht schlau sei den Lift zu nehmen, da dort ja diese Saalnummern jeweils angeschrieben sind. Gesagt, getan. Im zweiten Stock angekommen gingen wir durch eine milchgläserne Tür und befanden uns inmitten von vielen Instrumenten. Ein Angestellter stürmte recht verwirrt auf uns zu und machte den Anschein als ob er nicht recht wüsste was wir hier wollten. Also gut, ich hab lange Haare und manche Menschen denken wohl ich sei ein Hippy aber Kurt war im Jackett und mit Faltenbundhosen, ich war verwirrt. Der Mann lotste uns dann zwischen den Instrumenten zum Tresen nach vorne und ermahnte uns mehrmals nicht über die Instrumente zu stolpern. Ich verstand immer noch nicht weshalb er so nervös war. Am Tresen angekommen wollten wir uns an ein Fräulein wenden und merkten plötzlich, dass alle Fräuleins auf unserer Seite des Tresend standen. Auch diese waren sichtlich verwirrt über unser Dasein und dann erst begriff ich, dass wie wohl den Hintereingang dieses Raumes betreten haben müssen. Vielleicht dachten die, wir wollen sie überfallen. Wir haben dann ganz langsam unser Papier gezückt und denen unser Begehren mitgeteilt. Immer noch etwas verunsichert machte sich dann die Eine der Beiden auf den Weg um die beiden Bögen zu suchen. Die Andere scannte dann den aufgedruckten Strichcode ein worauf uns der Mann von vorher etwas prüfend aber sichtlich entspannter zulächelte. Das erste Fräulein kam mit den Bögen zurück und wir beanstandeten, dass da noch eine Holzkiste fehle, die ja mit dem einen Bogen mitgeliefert werden sollte. Das andere Fräulein machte sich sofort auf den Weg in den Keller um nach diesem Kistchen zu suchen worauf das erste Fräulein fragte ob das zweite Fräulein den Strichcode schon eingescannt habe und dem Mann war es wieder etwas unwohler geworden. Ich hatte das Gefühl, Teil eines "Louis de Funes"-Streifens zu sein und wir haben angefangen uns mit dem sehr netten Personal zu unterhalten. Das andere Fräulein kam dann schon bald mit dem einzigartigen Kistchen zurück worauf wir feststellten, dass dieses ja für zwei Bögen konzipiert war. Wir alle hatten darüber grosse Freude und fragten das Personal nach etwas Verpackungsmaterial. Die hatten bloss so Kunststoffbläschen und da das erste Fräulein unser Unbehagen feststellte, grübelte sie liebevoll ihr Papiertaschentuch aus ihrer Tasche hervor um es uns zur Verfügung zu stellen. Irgendwie hatten wir es mit all diesen doch eher vornehmen Angestellten "sau glatt". Zum Schluss händigten sie uns noch eine riesige Tragtasche aus, innen blau, aussen silbern. Es sah aus, als ob wir gerade eine tolle Shoppingtour hinter uns hätten. Dabei war die Tasche nur deshalb so gross, weil sonst das Kistchen mit den Bögen nicht platz gehabt hätte. Dankend und lachend verabschiedeten wir uns.
Ich machte mich bald auf den Weg zum Kings Cross von wo aus mich ein Zug dann wieder nach Newark zurück bringt. Da ich noch etwas Zeit hatte entschied ich mich im dortigen Starbucks noch etwas zu trinken. Plötzlich klopft jemand ans Fenster und kommt ins Café. Es war Carla aus Cambridge, die ich ziemlich am Anfang als ich nach Newark kam, an einer Party kennen gelernt habe. Welch ein Zufall sie hier zu finden. Sie war scheinbar mit ihren Eltern in London unterwegs.
Zuhause angekommen holte mich dann mein lieber Salvatore vom Bahnhof ab und kochte mir ein Abendessen. Wie lieb von ihm!
Ich blicke zurück auf ein interessantes, abwechslungsreiches und von herzlichen Ereignissen geprägtes, verlängertes Wochenende in London.
Vielleicht hab ich einigen von Euch ja jetzt diese Stadt ein wenig schmackhaft gemacht. Falls Ihr sie besuchen solltet, vergesst den VICTORINOX an der New Bond Street nicht! Hier noch ein paar Bilder vom Picadilly Circus bei Nacht:
Liebe Grüsse
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